Das
“Weiße Dorf” Zahara de la
Sierra beeindruckt den Reisenden vor allem
durch seine einmalige geographische Situation,
im Nordosten der Sierra de Grazalema, an einem
der größten Stauseen der Provinz
Cádiz gelegen (Embalse de Zahara/El
Gastor). Letzterer verleiht dem Ort ein besonders
angenehmes Mikroklima, mit selbst im Hochsommer
kühlen Nachttemperaturen und morgendlichen
Nebelschwaden. Wie im Falle nahezu aller Dörfer
im Hinterland der Provinz Cádiz, so
gehen auch die Ursprünge des heutigen
Zahara de la Sierra auf eine maurische Bastion
zurück, die in der Zeit des Nasriden-Königreichs
von Granada als Bollwerk gegen die insbesondere
ab dem 13. Jahrhundert massiv aus dem Norden
eindringenden christlichen Rückerorberer
entstand.
Wir
starten unsere Fahrt nach Zahara de la Sierra
von Grazalema aus, wo uns der Tankwart am
Ortsausgang die Route über den "Tauben-Bergpass“
(Puerto de las Palomas) empfiehlt, dürften
doch dort weder LKW noch Busse fahren, außerdem
sei die Strecke landschaftlich besonders reizvoll.
Tatsächlich ist die Fahrt über den
1357 Meter hohen Bergpass überaus beeindruckend.
So mag man angesichts der alpinen Landschaft
kaum glauben, dass dieses weitläufige,
grüne Naturparadies mitten in Südspanien
liegt. An der höchsten Stelle angelangt,
wird erstmals der Blick auf den teilweise
zum Gemeindegiet von Zahara de la Sierra gehörenden
Stausee frei, der, wie ein riesiger Spiegel,
türkisblau im scheinbar noch fernen Tal
liegt. Diesem wunderschönen Panorama
folgt nun freilich die mörderische Abfahrt
über die extrem schmale, engkurvige Pass-Straße,
selbst geübte Autofahrer bekommen hier
zuweilen feuchte Hände.
Das Erste, was dem Reisenden nach der Ankunft
in Zahara de la Sierra auffällt, ist
der omnipräsente Almwiesengeruch, der
sich durch die unmittelbare Nähe des
Stausees mit seiner reichhaltigen Uferflora
erklärt. Das Gewässer sorgt auch
dafür, dass hier selbst im Hochsommer
ein recht angenehmes Klima herrscht, nachts
kann es zuweilen sogar richtig frisch werden.
Angenehm ist auch das ganz offensichtlich
außergewöhnlich gute soziale Klima
in diesem kaum 1.600 Einwohner zählenden
Bergdorf. Ab 21 Uhr sperrt die Policía
Local (Städtische Polizei) den gesamten
Ortskern für den Autoverkehr, eine geniale
Idee, von der sich ganz Spanien eine Scheibe
abschneiden könnte.
Dann beginnt auf dem kleinen, im Zentrum gelegenen
Kirchplatz das Leben zu brodeln: Hier flaniert
und flirtet die Dorfjugend, in einem ständigen
Auf und Ab , während die Älteren
in den umliegenden Terassenlokalen ausgiebig
dem Tapeo (Brauch des zuweilen stundenlangen
Tapa-Essens) frönen. Besonders empfehlenswert
ist übrigens die Bar "Peña
Taurina“, die Spezialität des Hauses
sind die einmalig guten Albóndigas
de chorizo con queso (Gesottene Klößchen
aus Paprika-Wurst mit Käse) und die Pinchitos
de sepia (Spießchen mit sauber geputzten,
gegrillten Mini-Tintenfischen).
Alle
hier kennen sich, jedermann grüßt
sich, hält einen kleinen Plausch, dazwischen
Heerscharen fein säuberlich herausgeputzter
Kinder, die den in ihrer kleinen Welt üblichen
Spielen nachgehen. Diese schwer in Worte fassbare,
allgegenwärtige Harmonie, dieser tiefe
Frieden, scheint fast greifbar und stellt
damit einen wesentlichen Erholungsfaktor dar,
den Zahara de la Sierra dem Besucher zu bieten
hat. Somit eignet sich der Ort aus unserer
Sicht auch ganz besonders gut als Ferienziel
für Familien mit Kindern.
Eine Entdeckungstour durch das historische
Zahara de la Sierra kann beispielsweise gleich
hinter dem Hotel Arco de la Villa (Camino
Nazari, sn = Nasriden-Weg, ohne Hausnummer)
beginnen, das wir, wegen seines herrlichen
Ausblicks auf den Stausee, seiner Ruhe und
wegen seines freundlichen Service, guten Gewissens
empfehlen können.
Von hier aus führt uns ein Steilweg zunächst
zu den Überresten der alten Hauptkirche
des Ortes (Iglesia Mayor), deren ursprünglich
aus dem 15. Jahrhundert stammender achteckiger
Turm erst vor kurzem rekonstruiert wurde.
In einem wirklich hässlichen Betonanbau
ist hier heute das Dokumentations- und Informationszentrum
des "mittelalterlichen“ Zahara
de la Sierra untergebracht. Es scheint unerklärlich,
wie es in einem ansonsten so schönen,
in jeder Hinsicht gepflegten Ort zu einem
solch wüsten architektonischen Faux Pas
kommen konnte.
Ganz oben, am Ende dieses recht beschwerlichen
Aufstiegs, steht das Wahrzeichen von Zahara
de la Sierra, der Torre de Homenaje (Bergfried),
ein mutmaßlich direkt nach der ersten
christlichen Rückeroberung im Jahre 1407
entstandener gotischer Wach-und Verteidigungsturm.
Das erstaunlich gut erhaltene Bauwerk kann
gratis besichtigt werden, von der oberen Aussichtsplattform
aus hat man einen atemberaubenden Blick auf
das Dorf und den nahe gelegenen Stausee.
Für diesen zwar anstrengenden
aber dennoch lohnenden Aufstieg zum Bergfried
empfehlen wir dringend festes Schuhwerk mit
rutschfester Sohle, der Weg nach oben besteht
aus einer Art spiegelglattem Kopfsteinpflaster,
auf dem man mit Ledersohlen leicht ausrutscht.
Wieder auf dem ebenfalls nahe dem Hotel gelegenen,
bereits oben beschriebenen Dorfplatz angkommen,
lohnt ein Blick auf das wunderschöne
Barock-Portal der Marien-Kirche (Iglesia de
Santa María), das aus roséfarbenem
Marmor gemeißelt ist. Im Innern des
Tempels findet sich ein kleines Sakristei-Museum.
Reisenden, die mit Kindern unterwegs sind,
empfehlen wir einen Ausflug zum etwa fünf
Autominuten vom Ortskern entfernten Badesee
Área Recreativa de Arroyomolinos, der
dem guten alten Baggersee aus der Heimat recht
nahe kommt. Auch hier passt wieder die Policía
Local auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht;
eine spanische Großfamilie, die eine
komplette Grillausrüstung inklusive Butangasflasche
auf die Badewiese mitschleppen will, wird
von einem Schutzmann am Eingang glatt abgewiesen,
das hilft alles lautstarke Protestieren nichts.
Für drei Euro Eintritt pro Person (Parken
ist dafür gratis) wird ein weitläufiges
Wiesengelände mit viel Baumbestand geboten,
das in einem kleinen, flach ins Wasser abfallenden
Kunststrand endet. Für individualistisch
veranlagte Naturliebhaber, die Ruhe und Erholung
suchen, ist das Ganze aber auf keinen Fall
geeignet.
Kinderreiche Familien hingegen, die einen
Tag im Grünen mit Picknick verbringen
wollen, sind hier bestens bedient.
Darüber hinaus ist natürlich auch
Zahara de la Sierra ein idealer Ausgangspunkt
für ausgiebige Wanderungen und Exkursionen
in die Sierra de Grazalema.
Schließlich ist Zahara de la Sierra
noch in ganz Spanien wegen seines besonders
schönen und farbenfrohen Fronleichnam-Festes
(Corpus Cristi) bekannt, das 1980 zur Fiesta
de Interés Turístico Nacional
(Fest bzw. Feiertag von nationalem touristischem
Interesse) deklariert wurde. Die Feierlichkeiten,
in deren Rahmen sich das ganze Dorf in eine
große Freiluftbühne verwandelt,
finden in der Regel im Monat Juni jeden Jahres
statt. |