Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Das “Weiße Dorf” Zahara de la Sierra beeindruckt den Reisenden vor allem durch seine einmalige geographische Situation, im Nordosten der Sierra de Grazalema, an einem der größten Stauseen der Provinz Cádiz gelegen (Embalse de Zahara/El Gastor). Letzterer verleiht dem Ort ein besonders angenehmes Mikroklima, mit selbst im Hochsommer kühlen Nachttemperaturen und morgendlichen Nebelschwaden. Wie im Falle nahezu aller Dörfer im Hinterland der Provinz Cádiz, so gehen auch die Ursprünge des heutigen Zahara de la Sierra auf eine maurische Bastion zurück, die in der Zeit des Nasriden-Königreichs von Granada als Bollwerk gegen die insbesondere ab dem 13. Jahrhundert massiv aus dem Norden eindringenden christlichen Rückerorberer entstand.


Wir starten unsere Fahrt nach Zahara de la Sierra von Grazalema aus, wo uns der Tankwart am Ortsausgang die Route über den "Tauben-Bergpass“ (Puerto de las Palomas) empfiehlt, dürften doch dort weder LKW noch Busse fahren, außerdem sei die Strecke landschaftlich besonders reizvoll.
Tatsächlich ist die Fahrt über den 1357 Meter hohen Bergpass überaus beeindruckend. So mag man angesichts der alpinen Landschaft kaum glauben, dass dieses weitläufige, grüne Naturparadies mitten in Südspanien liegt. An der höchsten Stelle angelangt, wird erstmals der Blick auf den teilweise zum Gemeindegiet von Zahara de la Sierra gehörenden Stausee frei, der, wie ein riesiger Spiegel, türkisblau im scheinbar noch fernen Tal liegt. Diesem wunderschönen Panorama folgt nun freilich die mörderische Abfahrt über die extrem schmale, engkurvige Pass-Straße, selbst geübte Autofahrer bekommen hier zuweilen feuchte Hände.
Das Erste, was dem Reisenden nach der Ankunft in Zahara de la Sierra auffällt, ist der omnipräsente Almwiesengeruch, der sich durch die unmittelbare Nähe des Stausees mit seiner reichhaltigen Uferflora erklärt. Das Gewässer sorgt auch dafür, dass hier selbst im Hochsommer ein recht angenehmes Klima herrscht, nachts kann es zuweilen sogar richtig frisch werden.
Angenehm ist auch das ganz offensichtlich außergewöhnlich gute soziale Klima in diesem kaum 1.600 Einwohner zählenden Bergdorf. Ab 21 Uhr sperrt die Policía Local (Städtische Polizei) den gesamten Ortskern für den Autoverkehr, eine geniale Idee, von der sich ganz Spanien eine Scheibe abschneiden könnte.
Dann beginnt auf dem kleinen, im Zentrum gelegenen Kirchplatz das Leben zu brodeln: Hier flaniert und flirtet die Dorfjugend, in einem ständigen Auf und Ab , während die Älteren in den umliegenden Terassenlokalen ausgiebig dem Tapeo (Brauch des zuweilen stundenlangen Tapa-Essens) frönen. Besonders empfehlenswert ist übrigens die Bar "Peña Taurina“, die Spezialität des Hauses sind die einmalig guten Albóndigas de chorizo con queso (Gesottene Klößchen aus Paprika-Wurst mit Käse) und die Pinchitos de sepia (Spießchen mit sauber geputzten, gegrillten Mini-Tintenfischen).
Alle hier kennen sich, jedermann grüßt sich, hält einen kleinen Plausch, dazwischen Heerscharen fein säuberlich herausgeputzter Kinder, die den in ihrer kleinen Welt üblichen Spielen nachgehen. Diese schwer in Worte fassbare, allgegenwärtige Harmonie, dieser tiefe Frieden, scheint fast greifbar und stellt damit einen wesentlichen Erholungsfaktor dar, den Zahara de la Sierra dem Besucher zu bieten hat. Somit eignet sich der Ort aus unserer Sicht auch ganz besonders gut als Ferienziel für Familien mit Kindern.
Eine Entdeckungstour durch das historische Zahara de la Sierra kann beispielsweise gleich hinter dem Hotel Arco de la Villa (Camino Nazari, sn = Nasriden-Weg, ohne Hausnummer) beginnen, das wir, wegen seines herrlichen Ausblicks auf den Stausee, seiner Ruhe und wegen seines freundlichen Service, guten Gewissens empfehlen können.
Von hier aus führt uns ein Steilweg zunächst zu den Überresten der alten Hauptkirche des Ortes (Iglesia Mayor), deren ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert stammender achteckiger Turm erst vor kurzem rekonstruiert wurde. In einem wirklich hässlichen Betonanbau ist hier heute das Dokumentations- und Informationszentrum des "mittelalterlichen“ Zahara de la Sierra untergebracht. Es scheint unerklärlich, wie es in einem ansonsten so schönen, in jeder Hinsicht gepflegten Ort zu einem solch wüsten architektonischen Faux Pas kommen konnte.
Ganz oben, am Ende dieses recht beschwerlichen Aufstiegs, steht das Wahrzeichen von Zahara de la Sierra, der Torre de Homenaje (Bergfried), ein mutmaßlich direkt nach der ersten christlichen Rückeroberung im Jahre 1407 entstandener gotischer Wach-und Verteidigungsturm. Das erstaunlich gut erhaltene Bauwerk kann gratis besichtigt werden, von der oberen Aussichtsplattform aus hat man einen atemberaubenden Blick auf das Dorf und den nahe gelegenen Stausee.
Für diesen zwar anstrengenden aber dennoch lohnenden Aufstieg zum Bergfried empfehlen wir dringend festes Schuhwerk mit rutschfester Sohle, der Weg nach oben besteht aus einer Art spiegelglattem Kopfsteinpflaster, auf dem man mit Ledersohlen leicht ausrutscht.
Wieder auf dem ebenfalls nahe dem Hotel gelegenen, bereits oben beschriebenen Dorfplatz angkommen, lohnt ein Blick auf das wunderschöne Barock-Portal der Marien-Kirche (Iglesia de Santa María), das aus roséfarbenem Marmor gemeißelt ist. Im Innern des Tempels findet sich ein kleines Sakristei-Museum.
Reisenden, die mit Kindern unterwegs sind, empfehlen wir einen Ausflug zum etwa fünf Autominuten vom Ortskern entfernten Badesee Área Recreativa de Arroyomolinos, der dem guten alten Baggersee aus der Heimat recht nahe kommt. Auch hier passt wieder die Policía Local auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht; eine spanische Großfamilie, die eine komplette Grillausrüstung inklusive Butangasflasche auf die Badewiese mitschleppen will, wird von einem Schutzmann am Eingang glatt abgewiesen, das hilft alles lautstarke Protestieren nichts.
Für drei Euro Eintritt pro Person (Parken ist dafür gratis) wird ein weitläufiges Wiesengelände mit viel Baumbestand geboten, das in einem kleinen, flach ins Wasser abfallenden Kunststrand endet. Für individualistisch veranlagte Naturliebhaber, die Ruhe und Erholung suchen, ist das Ganze aber auf keinen Fall geeignet.
Kinderreiche Familien hingegen, die einen Tag im Grünen mit Picknick verbringen wollen, sind hier bestens bedient.
Darüber hinaus ist natürlich auch Zahara de la Sierra ein idealer Ausgangspunkt für ausgiebige Wanderungen und Exkursionen in die Sierra de Grazalema.
Schließlich ist Zahara de la Sierra noch in ganz Spanien wegen seines besonders schönen und farbenfrohen Fronleichnam-Festes (Corpus Cristi) bekannt, das 1980 zur Fiesta de Interés Turístico Nacional (Fest bzw. Feiertag von nationalem touristischem Interesse) deklariert wurde. Die Feierlichkeiten, in deren Rahmen sich das ganze Dorf in eine große Freiluftbühne verwandelt, finden in der Regel im Monat Juni jeden Jahres statt.