Freitag, 10. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Tarifa ist in vielerlei Hinsicht ein Ort der Extreme, der Superlative: südlichste Stadt des europäischen Kontinents, Grenzgemarkung zwischen Mittelmeer und Atlantischem Ozean, Südgrenze der Europäischen Union –– nur 14 Kilometer trennen den Stadtstrand Playa Chica von der Nordküste Afrikas, die von hier aus gesehen zum Greifen nahe scheint. Gleichzeitig ist Tarifa auch der jüngste, der coolste Ort an der gesamten Lichtküste. Dies schafft eine ganz besondere Atmosphäre, die insbesondere in der schon sehr nordafrikanisch wirkenden Altstadt zu verspüren ist. Keine Spur von Ballermann oder Adiletten-Tourismus, eher eine Mischung aus Uni-Campus und Woodstock, das Ganze unter dem harten, gnadenlosen Beat des allgegenwärtigen Windes, der Tarifa zur unbestrittenen Welthauptstadt, zum Mekka des Windsurfing gemacht hat.



Es ist schon Mitte Juni, doch der Stadtstrand von Tarifa, die nur gut 100 Meter lange Playa Chica (Kleines Strändchen), ist menschenleer. Hier, wo Mittelmeer und Altlantischer Ozean zusammenfließen, an diesem südlichsten Zipfel des europäischen Kontinents, stürmt es mit einer solch brachialen Urgewalt, dass jeder klägliche Versuch, ein Badehandtuch, Schwimmflossen und Butterbrot auszupacken, von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Dennoch sind die Eindrücke, die sich dem Reisenden hier, in unmittelbarer Nähe der Tarifa vorgelagerten Isla de las Palomas (Taubeninsel) bieten, nur schwer in Worte zu fassen: Nirgendwo sonst zeigt sich das Meer so kristallklar, so intensiv smaragdgrün, nirgendwo sonst wirkt die Luft so dermaßen klar und sauber, einzigartig ist das Gefühl, das sich beim Anblick des wie eine Fata Morgana wirkenden Atlas-Gebirges einstellt, das hier zum Greifen nahe scheint. Nur ein schmaler, mitten ins Meer gebauter Deich, auf dem wir kaum gegen den Orkan standhalten können und dabei kräftig von den beiden Weltmeeren abgeduscht werden, ist unsere Rückfahrkarte nach Europa.
Es ist dies einer jener wie verzaubert wirkenden Orte, an denen man wenigstens einmal im Leben gewesen sein muss. Am Ende dieses Mittelmeer und Atlantik teilenden Grates liegt die Isla de las Palomas, die “Tauben-Insel”, die, zum Bedauern des Globetrotters, nicht besucht werden kann, ist sie doch militärisches Sperrgebiet.
Treten wir nun den etwa 10-minütigen Rückweg von der Isla de las Palomas aus über die Calle Alcalde Juan Nuñez an, der uns über den kleinen Hafen zur wunderhübschen und mit ihren strahlend weißen, verschachtelten Spielzeughäusern schon sehr “arabisch” wirkenden Altstadt von Tarifa führt. Gegenüber dem Hafen bieten mehrere kommerzielle Veranstalter Whale-Watching an, mehrstündige Exkursionen in die Meerenge von Gibraltar, in deren Verlauf Wale und Delfine in freier Natur beobachtet werden können, "mit 90-prozentiger Sichtungsgarantie“.
Im Casco Antiguo angekommen, spürt der Reisende allenthalben, dass er in der Welthaupstadt der Surfer unterwegs ist, besser gesagt in dessen "Welthauptstädtchen“, schließlich kann Tarifa ohne weiteres zu Fuß durchquert werden.
Die Kneipen und Restaurants sind hier ebenso international wie das jugendliche oder jung gebliebene, sportliche Publikum. Dabei wirkt das Ganze aber garnicht ballermännisch, eher auf gesunde, natürliche Weise kosmopolitisch; “Good good good good vibrations” würden die Beach Boys angesichts so viel positivem Ambiente sofort begeistert losträllern. Auch das Nachtleben ist nicht von schlechten Eltern: viel braungebranntes Surfervolk, moderne Hippies, noch mehr junge, hübsche Spanierinnen, die hier in den zahllosen Bars und Kneipen bis in die frühen Morgenstunden feiern und flirten. So kann die Nacht beispielsweise im Almedina beginnen, einem eher gediegenen Café mit Barbetrieb, wo es gelegentlich auch Live-Musik zu hören gibt.
Wer es eher feurig-andalusisch mag, der wird im El Cepillo auf seine Kosten kommen: Die mitten im Altstadtgassengewirr an der Plaza Hiscio gelegene Flamenco-Kneipe ist in einem typisch andalusischen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht, im Sommer gibt´s Live-Flamenco im Freien. Eine Institution in Tarifa ist das Moskito, ein echt spanischer Disko-Pub: krachvoll, laute Latino-Musik, massenhaft trinkfreudige Jeunesse, nur für hartgesottene Freunde der spanischen Nacht geeignet, die im Anschluss sicherlich noch in einer der am Strand gelegenen Freiluft-Diskos bis in die frühen Morgensunden weiterbaggern.
Kulinarisch gesehen, ist in Tarifa alles geboten, was das Herz begehrt, von fangfrischem Fisch über andalusische Tapas, bis hin zu japanischem Sushi, das Ganze noch zu recht zivilen Preisen, zumindest in der Nebensaison. Gleichzeitig ist Tarifa die Stadt mit der höchsten Pizzerien-Dichte an der ganzen Costa de la Luz.
Freunde ausgiebiger Besichtigungen historischer Bauwerke kommen im Zentrum Tarifas freilich nicht ganz auf ihre Kosten, obwohl die Stadt mit dem Castillo del Guzmán el Bueno (Burg des Guzmán des Guten) schon ein architektonisches Highlight aus der Zeit der muslimischen Besatzung zu bieten hat. Im Jahre 960 unter dem Kalifen Abderramán III errichtet, sind auch hier im Laufe der Reconquista (Rückeroberung der durch nordafrikanische Muslime besetzten Gebiete Andalusiens) wieder gotische Elemente eingeflossen, beispielsweise klar ersichtlich an der Südseite der Bastion, mit der “Meerespforte”, der Puerta del Mar. 1295 ereignete sich in dieser Festungsanlage eine Tragödie, aus der ihre heutige Bezeichnung resultiert: Damals wurde die Stadt von nordafrikanischen Truppen belagert, die Tarifa einmal mehr zurückerobern wollten. Als Druckmittel hatten sie den Sohn des damaligen Bürgermeisters und Oberbefehlshabers von Tarifa, Alonso Pérez de Guzmán, entführt und drohten mit dessen Ermordung, sollte der Flecken nicht übergeben werden. Doch der ebenso dickköpfige wie loyale Guzmán weigerte sich, die ihm anvertraute Stadt den muslimischen Invasoren auszuliefern, woraufhin diese ihre Drohung wahrmachten, und seinen Sohn kaltbütig hinrichteten. Guzmán musste die grausame Szene von seiner Verteidigungsstellung aus mit ansehen, woraufhin der Volksmund ihn wegen seiner Tapferkeit zum Guzmán el Bueno, dem "Guzmán der Gute“ erhob. Heute veranstaltet das Rathaus von Tarifa geführte Besichtigungen in der erstaunlich gut erhaltenen, geschichtsträchtigen Stätte.

Traumstrände nicht nur für Surfer
Natürlich sind Tarifas Hauptattraktion die beiden ineinander übergehenden Strände Los Lances und Valdevaqueros, insgesamt satte 13 Kilometer naturbelassener Sandlandschaft mit zum Teil haushohen Dünen. Insbesondere der Los Lances-Strand mit seinem ganzjährig geöffneten Campingplatz ist bei Surfern und Windsurfern beliebt, die hier ideale Bedingungen vorfinden. Der Strand bietet die üblichen Service- und Sicherheitseinrichtungen, außerdem gibt es ein halbes Dutzend Restaurants und zwei Chiringuitos (Strandbuden mit Restaurant- bzw. Barbetrieb).
Der unmittelbar anschließende Valdevaqueros-Strand zählt unbestritten zu den schönsten Küstenabschnitten der Iberischen Halbinsel. Fast sechs Kilometer nahezu weißen Sandes, der ewig breit und flach ins kristallklare Meer abfällt. Begrenzt wird dieser in der Nebensaison menschenleere Paradiesstrand von einer naturbelassenen Dünen-Hügellandschaft, die ihresgleichen sucht. Nirgendwo sonst wird so offensichtlich, wie unverbaut, wie jungfräulich sich die Costa de la Luz dem Reisenden noch präsentiert. Getoppt wird das Ganze nur noch von dem ebenfalls zum Gemeindegebiet von Tarifa gehörenden, wenn auch schon weit außerhalb liegenden Strand von Bolonia (Playa de Bolonia, 15 Autominuten von Tarifa in Richtung Cádiz).
Wer schon immer die letzten Überreste des Paradieses gesucht hat, hier liegen sie:
Das Farbenspiel aus stahlblauem Postkartenhimmel, den glasklaren, intensiv smaragdgrünen Atlantikfluten und dem goldgelben, feinsandigen Strand ist unbeschreiblich. Farben, wie man sie sonst nur auf softwaremanipulierten Prospektfotos zu sehen bekommt, hier sind sie Realität.
Die flachen, leicht begrünten Dünen, die die Playa de Bolonia begrenzen, sind Weidegebiet seelenruhig frei laufenden Rindviehs, doch keine Angst, Kampfstiere treiben hier nicht ihr Unwesen. Unmittelbar neben dem kleinen Strandparkplatz gelegen, lädt ein Chiringuito mit seiner großzügigen Holzterasse zum Fisch essen ein. Wir empfehlen das fangfrische Thunfischfilet (Filete de Atún) oder eine gegrillte Goldbrasse (Dorada a la plancha), dazu ein Glas des hervorragenden, frisch zubereiteten Gazpacho (dünnflüssige, sehr erfrischende aber auch stark knoblauchhaltige Gemüsekaltschale), als Abschluss den traumhaften, hausgemachten Milchreis. Der Spaß ist nicht ganz billig, lohnt aber auf jeden Fall.

Römische Ruinen in unmittelbarer Nachbarschaft
Zum Glück benutzen andalusische Köche heute nicht mehr das zur Römer-Zeit als Würze so beliebte Fischextrakt Garum, das damals in der Römischen Gemeinde Baelio Claudia produziert wurde, deren zum Teil erstaunlich gut erhaltenen Ruinen nur fünf Gehminuten von der Playa Bolonia entfernt zur Besichtigung einladen.
Die Bewohner des im 2. Jh. v. Chr. erbauten Industrie- und Handelsstädtchens verdienten ihr Geld nämlich hauptsächlich mit dem Export dieser scharfen, aus fermentierten Fischinnereien hergestellten Sauce – ursprünglich eine griechische Erfindung - ein Nebenprodukt der Stockfischproduktion.
So bilden denn auch die ehemaligen Produktionsstätten für Salzfisch und Garum einen wesentlichen Bestandteil dieses interessanten archäologischen Komplexes. In BaelioClaudia sind noch wesentliche Elemente einer römischen Stadt mit Gemeindestatus gut erkennbar, unter anderem das Forum, Kapitoltempel, Isis-Tempel, Marktplatz, das noch recht vollständige Theater, Badeanlagen und sonstige Wasserinfrastruktur sowie Teile der ehemaligen Stadtmauer. Das Ganze eingebettet in eine atemberaubend schöne Landschaft - die Römer wussten zu leben.
Die Ruinenstadt kann von Einzelpersonen und kleineren Gruppen ohne Voranmeldung gratis besucht werden, als "Gegenleistung“ muss man am Eingang lediglich verraten, aus wes Herres Land man kommt. Sogar eine – zumindest in der Nebensaison – recht gepflegte Besuchertoilette gibt es hier, deren Nutzung ebenfalls unentgeltlich ist.