Tarifa
ist in vielerlei Hinsicht ein Ort der Extreme,
der Superlative: südlichste Stadt des
europäischen Kontinents, Grenzgemarkung
zwischen Mittelmeer und Atlantischem Ozean,
Südgrenze der Europäischen Union
–– nur 14 Kilometer trennen den
Stadtstrand Playa Chica von der Nordküste
Afrikas, die von hier aus gesehen zum Greifen
nahe scheint. Gleichzeitig ist Tarifa auch
der jüngste, der coolste Ort an der gesamten
Lichtküste. Dies schafft eine ganz besondere
Atmosphäre, die insbesondere in der schon
sehr nordafrikanisch wirkenden Altstadt zu
verspüren ist. Keine Spur von Ballermann
oder Adiletten-Tourismus, eher eine Mischung
aus Uni-Campus und Woodstock, das Ganze unter
dem harten, gnadenlosen Beat des allgegenwärtigen
Windes, der Tarifa zur unbestrittenen Welthauptstadt,
zum Mekka des Windsurfing gemacht hat.
Es
ist schon Mitte Juni, doch der Stadtstrand
von Tarifa, die nur gut 100 Meter lange Playa
Chica (Kleines Strändchen), ist menschenleer.
Hier, wo Mittelmeer und Altlantischer Ozean
zusammenfließen, an diesem südlichsten
Zipfel des europäischen Kontinents, stürmt
es mit einer solch brachialen Urgewalt, dass
jeder klägliche Versuch, ein Badehandtuch,
Schwimmflossen und Butterbrot auszupacken,
von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Dennoch sind die Eindrücke, die sich
dem Reisenden hier, in unmittelbarer Nähe
der Tarifa vorgelagerten Isla de las Palomas
(Taubeninsel) bieten, nur schwer in Worte
zu fassen: Nirgendwo sonst zeigt sich das
Meer so kristallklar, so intensiv smaragdgrün,
nirgendwo sonst wirkt die Luft so dermaßen
klar und sauber, einzigartig ist das Gefühl,
das sich beim Anblick des wie eine Fata Morgana
wirkenden Atlas-Gebirges einstellt, das hier
zum Greifen nahe scheint. Nur ein schmaler,
mitten ins Meer gebauter Deich, auf dem wir
kaum gegen den Orkan standhalten können
und dabei kräftig von den beiden Weltmeeren
abgeduscht werden, ist unsere Rückfahrkarte
nach Europa.
Es ist dies einer jener wie verzaubert wirkenden
Orte, an denen man wenigstens einmal im Leben
gewesen sein muss. Am Ende dieses Mittelmeer
und Atlantik teilenden Grates liegt die Isla
de las Palomas, die “Tauben-Insel”,
die, zum Bedauern des Globetrotters, nicht
besucht werden kann, ist sie doch militärisches
Sperrgebiet.
Treten wir nun den etwa 10-minütigen
Rückweg von der Isla de las Palomas aus
über die Calle Alcalde Juan Nuñez
an, der uns über den kleinen Hafen zur
wunderhübschen und mit ihren strahlend
weißen, verschachtelten Spielzeughäusern
schon sehr “arabisch” wirkenden
Altstadt von Tarifa führt. Gegenüber
dem Hafen bieten mehrere kommerzielle Veranstalter
Whale-Watching an, mehrstündige Exkursionen
in die Meerenge von Gibraltar, in deren Verlauf
Wale und Delfine in freier Natur beobachtet
werden können, "mit 90-prozentiger
Sichtungsgarantie“.
Im
Casco Antiguo angekommen, spürt der Reisende
allenthalben, dass er in der Welthaupstadt
der Surfer unterwegs ist, besser gesagt in
dessen "Welthauptstädtchen“,
schließlich kann Tarifa ohne weiteres
zu Fuß durchquert werden.
Die Kneipen und Restaurants sind hier ebenso
international wie das jugendliche oder jung
gebliebene, sportliche Publikum. Dabei wirkt
das Ganze aber garnicht ballermännisch,
eher auf gesunde, natürliche Weise kosmopolitisch;
“Good good good good vibrations”
würden die Beach Boys angesichts so viel
positivem Ambiente sofort begeistert losträllern.
Auch das Nachtleben ist nicht von schlechten
Eltern: viel braungebranntes Surfervolk, moderne
Hippies, noch mehr junge, hübsche Spanierinnen,
die hier in den zahllosen Bars und Kneipen
bis in die frühen Morgenstunden feiern
und flirten. So kann die Nacht beispielsweise
im Almedina beginnen, einem eher gediegenen
Café mit Barbetrieb, wo es gelegentlich
auch Live-Musik zu hören gibt.
Wer
es eher feurig-andalusisch mag, der wird im
El Cepillo auf seine Kosten kommen: Die mitten
im Altstadtgassengewirr an der Plaza Hiscio
gelegene Flamenco-Kneipe ist in einem typisch
andalusischen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert
untergebracht, im Sommer gibt´s Live-Flamenco
im Freien. Eine Institution in Tarifa ist
das Moskito, ein echt spanischer Disko-Pub:
krachvoll, laute Latino-Musik, massenhaft
trinkfreudige Jeunesse, nur für hartgesottene
Freunde der spanischen Nacht geeignet, die
im Anschluss sicherlich noch in einer der
am Strand gelegenen Freiluft-Diskos bis in
die frühen Morgensunden weiterbaggern.
Kulinarisch gesehen, ist in Tarifa alles geboten,
was das Herz begehrt, von fangfrischem Fisch
über andalusische Tapas, bis hin zu japanischem
Sushi, das Ganze noch zu recht zivilen Preisen,
zumindest in der Nebensaison. Gleichzeitig
ist Tarifa die Stadt mit der höchsten
Pizzerien-Dichte an der ganzen Costa de la
Luz.
Freunde ausgiebiger Besichtigungen
historischer Bauwerke kommen im Zentrum Tarifas
freilich nicht ganz auf ihre Kosten, obwohl
die Stadt mit dem Castillo del Guzmán
el Bueno (Burg des Guzmán des Guten)
schon
ein architektonisches Highlight aus der Zeit
der muslimischen Besatzung zu bieten hat.
Im Jahre 960 unter dem Kalifen Abderramán
III errichtet, sind auch hier im Laufe
der Reconquista (Rückeroberung der durch
nordafrikanische Muslime besetzten Gebiete
Andalusiens) wieder gotische Elemente eingeflossen,
beispielsweise klar ersichtlich an der Südseite
der Bastion, mit der “Meerespforte”,
der Puerta del Mar. 1295 ereignete sich in
dieser Festungsanlage eine Tragödie,
aus der ihre heutige Bezeichnung resultiert:
Damals wurde die Stadt von nordafrikanischen
Truppen belagert, die Tarifa einmal mehr zurückerobern
wollten. Als Druckmittel hatten sie den Sohn
des damaligen Bürgermeisters und Oberbefehlshabers
von Tarifa, Alonso Pérez de Guzmán,
entführt und drohten mit dessen Ermordung,
sollte der Flecken nicht übergeben werden.
Doch der ebenso dickköpfige wie loyale
Guzmán weigerte sich, die ihm anvertraute
Stadt den muslimischen Invasoren auszuliefern,
woraufhin diese ihre Drohung wahrmachten,
und seinen Sohn kaltbütig hinrichteten.
Guzmán musste die grausame Szene von
seiner Verteidigungsstellung aus mit ansehen,
woraufhin der Volksmund ihn wegen seiner Tapferkeit
zum Guzmán el Bueno, dem "Guzmán
der Gute“ erhob. Heute veranstaltet
das Rathaus von Tarifa geführte Besichtigungen
in der erstaunlich gut erhaltenen, geschichtsträchtigen
Stätte.
Traumstrände nicht nur für
Surfer
Natürlich sind Tarifas Hauptattraktion
die beiden ineinander übergehenden Strände
Los Lances und Valdevaqueros, insgesamt satte
13 Kilometer naturbelassener Sandlandschaft
mit zum Teil haushohen Dünen. Insbesondere
der Los Lances-Strand mit seinem ganzjährig
geöffneten Campingplatz ist bei Surfern
und Windsurfern beliebt, die hier ideale Bedingungen
vorfinden. Der Strand bietet die üblichen
Service- und Sicherheitseinrichtungen, außerdem
gibt es ein halbes Dutzend Restaurants und
zwei Chiringuitos (Strandbuden mit Restaurant-
bzw. Barbetrieb).
Der unmittelbar anschließende Valdevaqueros-Strand
zählt unbestritten zu den schönsten
Küstenabschnitten der Iberischen Halbinsel.
Fast sechs Kilometer nahezu weißen Sandes,
der ewig breit und flach ins kristallklare
Meer abfällt. Begrenzt wird dieser in
der Nebensaison menschenleere Paradiesstrand
von einer naturbelassenen Dünen-Hügellandschaft,
die ihresgleichen sucht. Nirgendwo sonst wird
so offensichtlich, wie unverbaut, wie jungfräulich
sich die Costa de la Luz dem Reisenden noch
präsentiert. Getoppt wird das Ganze nur
noch von dem ebenfalls zum Gemeindegebiet
von Tarifa gehörenden, wenn auch schon
weit außerhalb liegenden Strand von
Bolonia (Playa de Bolonia, 15 Autominuten
von Tarifa in Richtung Cádiz).
Wer schon immer die letzten
Überreste des Paradieses gesucht hat,
hier liegen sie:
Das Farbenspiel aus stahlblauem Postkartenhimmel,
den glasklaren, intensiv smaragdgrünen
Atlantikfluten und dem goldgelben, feinsandigen
Strand ist unbeschreiblich. Farben, wie man
sie sonst nur auf softwaremanipulierten Prospektfotos
zu sehen bekommt, hier sind sie Realität.
Die flachen, leicht begrünten Dünen,
die die Playa de Bolonia begrenzen, sind Weidegebiet
seelenruhig frei laufenden Rindviehs, doch
keine Angst, Kampfstiere treiben hier nicht
ihr Unwesen. Unmittelbar neben dem kleinen
Strandparkplatz gelegen, lädt ein Chiringuito
mit seiner großzügigen Holzterasse
zum Fisch essen ein. Wir empfehlen das fangfrische
Thunfischfilet (Filete de Atún) oder
eine gegrillte Goldbrasse (Dorada a la plancha),
dazu ein Glas des hervorragenden, frisch zubereiteten
Gazpacho (dünnflüssige, sehr erfrischende
aber auch stark knoblauchhaltige Gemüsekaltschale),
als Abschluss den traumhaften, hausgemachten
Milchreis. Der Spaß ist nicht ganz billig,
lohnt aber auf jeden Fall.
Römische
Ruinen in unmittelbarer Nachbarschaft
Zum Glück benutzen andalusische
Köche heute nicht mehr das zur Römer-Zeit
als Würze so beliebte Fischextrakt Garum,
das damals in der Römischen Gemeinde
Baelio Claudia produziert wurde, deren zum
Teil erstaunlich gut erhaltenen Ruinen nur
fünf Gehminuten von der Playa Bolonia
entfernt zur Besichtigung einladen.
Die Bewohner des im 2. Jh. v. Chr. erbauten
Industrie- und Handelsstädtchens verdienten
ihr Geld nämlich hauptsächlich mit
dem Export dieser scharfen, aus fermentierten
Fischinnereien hergestellten Sauce –
ursprünglich eine griechische Erfindung
- ein Nebenprodukt der Stockfischproduktion.
So bilden denn auch die ehemaligen Produktionsstätten
für Salzfisch und Garum einen wesentlichen
Bestandteil dieses interessanten archäologischen
Komplexes. In BaelioClaudia sind noch wesentliche
Elemente einer römischen Stadt mit Gemeindestatus
gut erkennbar, unter anderem das Forum, Kapitoltempel,
Isis-Tempel, Marktplatz, das noch recht vollständige
Theater, Badeanlagen und sonstige Wasserinfrastruktur
sowie Teile der ehemaligen Stadtmauer. Das
Ganze eingebettet in eine atemberaubend schöne
Landschaft - die Römer wussten zu leben.
Die Ruinenstadt kann von Einzelpersonen und
kleineren Gruppen ohne Voranmeldung gratis
besucht werden, als "Gegenleistung“
muss man am Eingang lediglich verraten, aus
wes Herres Land man kommt. Sogar eine –
zumindest in der Nebensaison – recht
gepflegte Besuchertoilette gibt es hier, deren
Nutzung ebenfalls unentgeltlich ist.
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