Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Das nur noch einen Katzensprung von Ronda (Provinz Málaga) enfernte "Weiße Dorf" Setenil de las Bodegas bildet die östliche Außengrenze der Provinz Cádiz. Der Ort ist wegen seiner spektakulären Felsenhäuser in ganz Spanien berühmt – private Wohnhäuser, die mitten in einen Cañon hineingebaut sind, die ein ehemals hier verlaufender Fluss in Jahrhunderten in den Fels gewaschen hat. Diesem einzigartigen Architekturstil, bei dem die natürlichen Felsformationen als Dach und Rückwand der Häuser dienen, hat der Ort auch seinen Namenszusatz, "de las Bodegas" zu verdanken: Bodega bedeutet unter anderem "Schiffsbauch, Schiffsladeraum“, und so erinnert diese Bauweise, mit etwas Phantasie, in der Tat an an die bauchige Architektur jener spanischen Karavellen, in denen sich Cristóbal Colón und seine Mannschaften 1492 erstmals auf die Suche nach dem vermeintlichen Indien machten, um so das heutige Amerika zu entdecken.


Was überhaupt als grundsätzliche Empfehlung für Reisen nach Südspanien gilt – niemals im Hochsommer! – sollte man sich für Setenil de las Bodegas ganz besonders zu Herzen nehmen. Das wie ein Spiegelei in der Pfanne mitten in einer kargen Steppenlandschaft gelegene Setenil ist sicherlich der heißeste Flecken auf der ganzen Iberischen Halbinsel, zumindest an jenem Samstag Mittag im Juli, als wir hier ankommen. So ist denn auch außer ein paar rot verbrannten Engländern, die es vermutlich aus dem relativ nahe gelegenen Marbella hierher verschlagen hat, keine Menschenseele auf der Straße zu sehen. Es ist Siesta-Zeit und die leidgeprüften Einheimischen verstecken sich jetzt mindestens bis sechs oder sieben Uhr nachmittags in ihren abgedunkelten, weiß gekalkten Häusern, die uns auch hier wieder an die 781 Jahre maurischer bzw. arabischer Besatzung in Andalusien erinnern.
Letztere wurde in Setenil erst relativ spät, 1484, nur acht Jahre vor dem endgültigen Fall des moslemischen Nasriden-Königreichs von Granada, durch Ferdinand den Katholischen beendet.
Unsere Entdeckungstour durch das historische Setenil de las Bodegas kann beispielsweise mit einem Abstecher im auch samstags nachmittags – weil privat geführten – Tourismus-Büro (Oficina de Turismo) beginnen. Neben ausführlichem, gutem Inormationsmaterial (auf Spanisch und Englisch), das kostenlos zur Verfügung gestellt wird, kann man hier auch Erzeugnisse der regionalen Handwerkskunst kaufen, z.B. Keramikarbeiten, Olivenöl oder Naturhonig. Der ebenso serviceorientierte wie zuvorkommende Chef der Oficina de Turismo, Juan Gutiérrez, bietet hier auch eine ganze Reihe zusätzlicher Dienstleistungen rund um den Tourismus an, z.B. geführte Touren durch das historische Setenil oder die Vermittlung von Unterkünften.
Von hier aus geht es weiter zur alten arabischen Festungsanlage mit Bergfried (Castillo Medieval con Torre de Homenaje), mit deren Bau im 12. Jahrhundert begonnen wurde. Einmal mehr wird dem Reisenden deutlich, dass nahezu alle "Weissen Dörfer“ in der Provinz Cádiz nach dem gleichen Muster entstanden sind:
Die moslemischen Stadtplaner bauten stets auf mindestens 400 bis 600 Meter hohen Hügeln, um das umliegende Gebiet gut kontrollieren zu können. Um eine massive Burganlage mit Stadtmauer gruppierten sich dann spiralförmig die nach nordafrikanischem Vorbild erbauten, verschachtelten, weiss gekalkten Wohnhäuser mit Innenhof.
Auch in Setenil de las Bodegas wurde – nach der Rückeroberung durch das christliche Nordspanien – über der ehemaligen Moschee eine klotzige, überdimensionale Kirche errichtet, die in diesem Falle eindeutig vom Zeitgeist der Spätgotik geprägt ist. Für den Bau der Iglesia Mayor de Setenil (Hauptkirche) wurden fast zehn Jahre benötigt. Das Ergebnis gleicht eher einer Trutzburg denn einer Dorfkirche, wieder einmal ein Zeichen für den typisch spanischen Pragmatismus, schließlich entstand das Gotteshaus von Setenil in einer Zeit, zu der man sich noch nicht ganz sicher war, ob die ehemaligen moslemischen Herrscher Andalusiens sich nun wirklich endgültig geschlagen geben würden.
Die Hauptattraktion von Setenil sind natürlich die im unteren Ortsteil am Río Trejo (Trejo-Fluss) gelegenen "Felsenhäuser“. Letztere sind in die Hohlräume eines über Jahrhunderte herausgewaschenen natürlichen Cañon hineingebaut und nicht etwa, wie man zunächst annehmen würde, in den Fels gehauen. Somit verfügen diese originellen Privat-Häuser nur über eine relativ geringe Tiefe, die Wohnräume sind daher in der Regel schmal und in die Länge gezogen; die hinteren Wände sowie das Dach bestehen aus natürlichem Felsgestein, wodurch in den Wohnungen ein stets angenehmes Mikroklima entsteht.
Setenil de las Bodegas ist ein zweifelsohne sehr schöner, weil exotischer und geschichtsträchtiger Ort, der bei keiner Andalusien-Rundreise fehlen sollte. Nichtsdestotrotz ist das Städtchen vom Massentourismus nicht mehr ganz unbehelligt, was wohl an der relativen Nähe zur Costa del Sol liegen muss.