Das
nur noch einen Katzensprung von Ronda (Provinz
Málaga) enfernte "Weiße
Dorf" Setenil de las Bodegas bildet die
östliche Außengrenze der Provinz
Cádiz. Der Ort ist wegen seiner spektakulären
Felsenhäuser in ganz Spanien berühmt
– private Wohnhäuser, die mitten
in einen Cañon hineingebaut sind, die
ein ehemals hier verlaufender Fluss in Jahrhunderten
in den Fels gewaschen hat. Diesem einzigartigen
Architekturstil, bei dem die natürlichen
Felsformationen als Dach und Rückwand
der Häuser dienen, hat der Ort auch seinen
Namenszusatz, "de las Bodegas" zu
verdanken: Bodega bedeutet unter anderem "Schiffsbauch,
Schiffsladeraum“, und so erinnert diese
Bauweise, mit etwas Phantasie, in der Tat
an an die bauchige Architektur jener spanischen
Karavellen, in denen sich Cristóbal
Colón und seine Mannschaften 1492 erstmals
auf die Suche nach dem vermeintlichen Indien
machten, um so das heutige Amerika zu entdecken.
Was
überhaupt als grundsätzliche Empfehlung
für Reisen nach Südspanien gilt
– niemals im Hochsommer! – sollte
man sich für Setenil de las Bodegas ganz
besonders zu Herzen nehmen. Das wie ein Spiegelei
in der Pfanne mitten in einer kargen Steppenlandschaft
gelegene Setenil ist sicherlich der heißeste
Flecken auf der ganzen Iberischen Halbinsel,
zumindest an jenem Samstag Mittag im Juli,
als wir hier ankommen. So ist denn auch außer
ein paar rot verbrannten Engländern,
die es vermutlich aus dem relativ nahe gelegenen
Marbella hierher verschlagen hat, keine Menschenseele
auf der Straße zu sehen. Es ist Siesta-Zeit
und die leidgeprüften Einheimischen verstecken
sich jetzt mindestens bis sechs oder sieben
Uhr nachmittags in ihren abgedunkelten, weiß
gekalkten Häusern, die uns auch hier
wieder an die 781 Jahre maurischer bzw. arabischer
Besatzung in Andalusien erinnern.
Letztere wurde in Setenil erst relativ spät,
1484, nur acht Jahre vor dem endgültigen
Fall des moslemischen Nasriden-Königreichs
von Granada, durch Ferdinand den Katholischen
beendet.
Unsere Entdeckungstour durch das historische
Setenil de las Bodegas kann beispielsweise
mit einem Abstecher im auch samstags nachmittags
– weil privat geführten –
Tourismus-Büro (Oficina de Turismo) beginnen.
Neben ausführlichem, gutem Inormationsmaterial
(auf Spanisch und Englisch), das kostenlos
zur Verfügung gestellt wird, kann man
hier auch Erzeugnisse der regionalen Handwerkskunst
kaufen, z.B. Keramikarbeiten, Olivenöl
oder Naturhonig. Der ebenso serviceorientierte
wie zuvorkommende Chef der Oficina de Turismo,
Juan Gutiérrez, bietet hier auch eine
ganze Reihe zusätzlicher Dienstleistungen
rund um den Tourismus an, z.B. geführte
Touren durch das historische Setenil oder
die Vermittlung von Unterkünften.
Von
hier aus geht es weiter zur alten arabischen
Festungsanlage mit Bergfried (Castillo Medieval
con Torre de Homenaje), mit deren Bau im 12.
Jahrhundert begonnen wurde. Einmal mehr wird
dem Reisenden deutlich, dass nahezu alle "Weissen
Dörfer“ in der Provinz Cádiz
nach dem gleichen Muster entstanden sind:
Die moslemischen Stadtplaner bauten stets
auf mindestens 400 bis 600 Meter hohen Hügeln,
um das umliegende Gebiet gut kontrollieren
zu können. Um eine massive Burganlage
mit Stadtmauer gruppierten sich dann spiralförmig
die nach nordafrikanischem Vorbild erbauten,
verschachtelten, weiss gekalkten Wohnhäuser
mit Innenhof.
Auch
in Setenil de las Bodegas wurde – nach
der Rückeroberung durch das christliche
Nordspanien – über der ehemaligen
Moschee eine klotzige, überdimensionale
Kirche errichtet, die in diesem Falle eindeutig
vom Zeitgeist der Spätgotik geprägt
ist. Für den Bau der Iglesia Mayor de
Setenil (Hauptkirche) wurden fast zehn Jahre
benötigt. Das Ergebnis gleicht eher einer
Trutzburg denn einer Dorfkirche, wieder einmal
ein Zeichen für den typisch spanischen
Pragmatismus, schließlich entstand das
Gotteshaus von Setenil in einer Zeit, zu der
man sich noch nicht ganz sicher war, ob die
ehemaligen moslemischen Herrscher Andalusiens
sich nun wirklich endgültig geschlagen
geben würden.
Die
Hauptattraktion von Setenil sind natürlich
die im unteren Ortsteil am Río Trejo
(Trejo-Fluss) gelegenen "Felsenhäuser“.
Letztere sind in die Hohlräume eines
über Jahrhunderte herausgewaschenen
natürlichen Cañon hineingebaut
und nicht etwa, wie man zunächst annehmen
würde, in den Fels gehauen. Somit verfügen
diese originellen Privat-Häuser nur über
eine relativ geringe Tiefe, die Wohnräume
sind daher in der Regel schmal und in die
Länge gezogen; die hinteren Wände
sowie das Dach bestehen aus natürlichem
Felsgestein, wodurch in den Wohnungen ein
stets angenehmes Mikroklima entsteht.
Setenil de las Bodegas ist
ein zweifelsohne sehr schöner, weil exotischer
und geschichtsträchtiger Ort, der bei
keiner Andalusien-Rundreise fehlen sollte.
Nichtsdestotrotz ist das Städtchen vom
Massentourismus nicht mehr ganz unbehelligt,
was wohl an der relativen Nähe zur Costa
del Sol liegen muss.
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