Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Sanlúcar de Barrameda, oder auch nur kurz Sanlúcar, ist der westlichste Ort der Costa de la Luz, die Fahrzeit von Cádiz-Stadt aus beträgt in etwa eine dreiviertel Stunde, wobei man die meiste Zeit mit dem zuweilen etwas mühsamen Transit durch das Zentrum von El Puerto de Santamaría verliert. Das rund 62.000 Einwohner zählende, elegante und, zumindest in den Wintermonaten, ruhige Küstenstädtchen ist gleichzeitig Tor zu einem der schönsten Naturschutzgebiete Spaniens, der Coto de Doñana. Berühmt ist Sanlúcar aber vor allem auch durch seine Weißweine, dem fruchtig-herben Barbadillo sowie dem staubtrockenen Manzanilla. Darüber hinaus genießt Sanlúcar landesweit den (berechtigten) Ruf, eine der Hochburgen der spanischen Tapa-Kultur zu sein, die hier insbesondere auf fangfrischen Meeresfrüchten beruht. Bis ins 18. Jh. eine der bedeutendsten Drehscheiben im Amerika-Handel, lebt Sanlúcar heute hauptsächlich vom Weinbau, der Schnittblumenzucht, einer kleinen aber feinen Möbelproduktion und natürlich vom Tourismus. Der Name der Stadt resultiert vermutlich aus einer Zusammensetzung aus dem altspanischen Sant Lucar (Heiliger Ort) und dem arabischen Bab-rh-mda (etwa: "Sandpforte"); ein etymologischer Herleitungsversuch, der, angesichts der hier bis ins 19. Jh. zahlreich vertretenen religösen Orden sowie der gut 780-jährigen arabischen Dominanz, plausibel erscheinen kann. Insbesondere Franziskaner und Dominikaner bereiteten sich hier auf ihre christliche Missionsarbeit in den neu entdeckten Kolonien vor. So auch der berühmte Dominikaner-Pater Fray Bartolomé de las Casas - der spätere Bischof von Chiapas - , einer der vehementesten und mutigsten Verteidiger der Indianer-Rechte in den neuen spanischen Kolonien.

Der Reisende, der nach Sanlúcar gelangt, denkt irgendwie sofort an die Karibik, mischt sich hier doch das gleißend-blaue Licht des westandalusischen Himmels mit allgegenwärtigen Elementen "britisch" eingefärbterArchitektur, in der sich der über Jahrhunderte gewachsene Wohlstand kosmopolitischer Sommerfrischler, insbesondere aus dem nahe gelegenen Sevilla, Wiederspiegelt.
So spielten denn auch Kaufleute britischen Ursprungs in Sanlúcar vom späteren 16. Jh. bis ca. 1645 eine bedeutende Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt. Der Einfluss dieser durch den Amerika-Handel wohlhabend gewordenen britischstämmigen Kaufleute hat sich nachhaltig mittels bestimmter architektonischer Tendenzen in Sanlúcar verewigt.
Natürlich finden wir, insbesondere im Barrio Bajo, auch beeindruckende Beispiele spanischer Bürgerarchitektur des 18. Jahrhunderts, als der Amerika-Handel bereits seinen Höhepunkt erreicht hatte. Ebenso wie in der Provinzhauptstadt Cádiz gibt es hier eine Calle Ancha (Breite Straße), in deren näherer Umgebung man zahlreiche Beispiele für sich ehemals im Besitz einzelner reicher Familien befindlicher Cargadores a Indias (etwa: "Privatvillen im `Indienhandel' tätiger Kaufleute") mit ihren typischen, teils stuhlförmigen Aussichtstürmen findet.
Die Stadt besteht quasi aus drei Teilen, dem Barrio Bajo ("Tiefes Viertel"), dem Barrio Alto ("Hohes Viertel") sowie der weitläufigen Uferpromenade nebst schier unendlichem Strand, die beide im alten Fischerviertel Bajo de Guía enden, gleichsam Sanlúcars Gourmet-Meile und Abfahrtstelle für jene Flussdampfer, mit denen man über den Guadalquivir den Nationalpark Coto de Doñana bereisen kann.
Cristóbal Colón (Christoph Kolumbus) startete von hier aus im Jahre 1488 seine dritte Amerika-Reise, doch wir wollen uns an dieser Stelle auf einen Rundgang durch Sanlúcar beschränken, den man am besten ab der Calzada del Ejército (Exerzier-Esplanade) startet, unter der sich praktischerweise ein modernes öffentliches Parkhaus befindet, nach dessen Verlassen man sofort auf das Touristeninformationsbüro (Oficina de Turismo) stößt. Dort gibt´s einen etwas holprig ins Deutsche übersetzten Stadtplan mit Basisinformationen, der aber gute Dienste leistet. Außerdem spricht das sehr freundliche und kompetente Personal zumindest auch Englisch.
Von hier aus geht es schnurgerade weiter, zur Plaza del Cabildo (Rathausplatz). Der Rathausplatz ist das heutige gesellschaftliche und eines der kulinarischen Zentren der Stadt, finden sich doch hier einige der besten Tapa-Bars der Costa de la Luz, für die man unbedingt genügend Zeit einplanen sollte. Im alten Rathaus selbst ist heute die Stadtbücherei untergebracht.
Zwischen Rahthausplatz und der Plaza de Abastos (Markthallen) liegt die Iglesia de los Desamparados (Kirche der Obdachlosen), eines der schönsten Beispiele für den andalusischen Barrock in Sanlúcar. Über die Calle Trascuesta geht es nun weiter in die unbedingt sehenswerten Markthallen, die man am besten am frühen Vormittag besuchen sollte, bevor die liebevoll herausgeputzten Stände ausverkauft sind. Wie auf den meisten andalusischen Tagesmärkten finden sich auch hier im Vorfeld alle möglichen Stände mit Krimskrams, an denen man unter Umständen das eine oder andere Schnäppchen machen kann.
Die Plaza de Abastos (Markthalle) ist insbesondere wegen ihres reichhaltigen Angebotes an frischem Fisch und Krustentieren ein tolles Spektakel; hier findet der Gourmet unter anderem die in ganz Spanien "berühmten" Camarones (Sägegarnelen), Hauptbestandteil der Tortillas de Camarones (Kleine Kartoffelpuffer mit Garnelen-Füllung), einer lokalen Spezialität, die sich auf jeder besseren Tapa-Speiskarte findet. Urig ist auch die in der hinteren linken Ecke der Halle gelegene Taverne, will meinen, eine richtig schöne Marktspelunke, in der man Garnelen-Reste, Papierservietten und Zigarettenkippen einfach auf den Boden werfen darf - vielleicht nicht für jedermannes ästhetisches Empfinden geeignet, dafür aber "typical spanish". Doch keine Angst, am Ende des Vormittags wird einfach alles mit dem Wasserschlauch fein säuberlich weggespritzt.

Über den Bethlehem-Stieg in die Hochstadt.
Blick zurück zum Strand.
Sand, soweit das Auge reicht.