Nur
etwa 15 Autominuten in östlicher Richtung
von Cádiz-Stadt liegt mit dem typisch
andalusischen Städtchen San Fernando
eine weitere verborgene, verkannte Schönheit
der Costa de la Luz. Was keiner weiß:
Die ehemalige Insel San Fernando verfügt
heute über einen der letzten noch völlig
unberührten Dünenstrände der
Iberischen Halbinsel, ein Paradies für
alle Naturliebhaber und Puristen. Daneben
ist die von den Einheimischen nur "La
isla" (die Insel) genannte Stadt Wiege
und gleichsam Mekka des modernen spanischen
Flamenco, wurde doch in San Fernando der legendäre
Camarón, "El Camarón de
la Isla", geboren, den man hierzulande
wie einen Heiligen verehrt. Auch Spaniens
derzeit international erfolgreichste Flamenco-Sängerin,
"La Niña Pastori", stammt
aus San Fernando, wo sie mit dem Song "Cádiz"
eine der schönsten Liebeserklärungen
an die Nachbarstadt Cádiz verfasst
hat, die jemals aus der Feder eines Künstlers
geflossen sind. Freilich sind Cádiz
und San Fernando ohnehin traditionell sehr
eng miteinander verbunden, wurde doch im frühen
19. Jahrhundert an beiden Orten sehr zeitnah
das Fundament für die erste demokratische
Verfassung Spaniens gelegt.
Das urbane San Fernando: Wiege der spanischen
Demokratie
Wir
befinden uns im Jahre 1810 n. Chr. Ganz Iberien
ist von den Galliern besetzt...Ganz Iberien?
Nein! Zwei von unbeugsamen Gaditanos bevölkerte
Städte hören nicht auf, dem Eindringling
Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht
leicht, für die gallischen Legionäre...
So würde wohl ein fiktives Abenteuer
des Comic-Helden Asterix in Cádiz seinen
Anfang nehmen. Tatsache ist allerdings, dass
die beiden "Inselstädte“ San
Fernando und Cádiz seinerzeit die einzigen
"freien“, nicht von napoleonischen
Truppen besetzten Orte auf der Iberischen
Halbinsel waren. Das liberale Spanien hatte
sich 1810 nach San Fernando zurückgezogen,
das damals noch "Villa de la Real Isla
de León“ hieß.
Am 24. September 1810 wurde im heutigen Rathaus
von San Fernando, im Rahmen einer Sondersitzung
des "Parlamentes“, beschlossen,
eine demokratische Verfassung auszuarbeiten,
die, nach dem Abzug der Franzosen, in ganz
Spanien zum Tragen kommen sollte.
Anschließend
begaben sich die Abgeordneten zur Iglesia
Mayor (Hauptkirche) von San Fernando, um dort
den zuvor gefassten Beschluss durch einen
feierlichen Schwur zu bekräftigen. Dananch
wurde im heutigen Teatro Real (Königliches
Theater), dem damaligen "Teatro Cómico“,
eine erste offizielle Sitzung abgehalten.
Schließlich war es der Ausbruch einer
Gelbfieber-Epidemie, der dazu führte,
dass die "freien“ Parlamentarier
ihre Sitzungen ab Februar 1811 im banachbarten
Cádiz abhalten mussten. Gut ein Jahr
später, am 19. März 1812, wurde
dort, in der in Cádiz´ Altstadt
gelegenen Kirche "Oratorio de San Felípe
Neri“, die erste demokratische Verfassung
Spaniens verabschiedet und unterzeichnet.
Letztere wird noch heute im Volksmund als
"Pepa“ betitelt, ist doch der 19.
März hierzulande Namenstag aller "Josés“,
Vatertag in Spanien (Freilich ist "Pepa“
die weibliche Kurzform von José, ein
Name, auf den in Spanien sowohl Jungen als
auch Mädchen getauft werden).
Punische Öfen, Peña del Camarón
und Marine-Museum
Nach der Besichtigung dieser ebenso
geschichtsträchtigen wie architektonisch
reizvollen Stätten im historischen Zentrum
von San Fernando, mit seiner kolonialen Flaniermeile
Calle Real, raten wir Besuchern zu einem Abstecher
zu den ebenfalls nahe der Altstadt gelegenen
Punischen und Phönizischen Öfen
("La Plaza de los Hornos Púnicos
en San Fernando“, Kreuzung der Straßen
Benjamín López, Rafael Alberti
und Avda. Al Andalus). Dort hat das Rathaus
in mehreren gläsernen Pavillons Teile
in San Fernando ausgebrabener punischer und
phönizischer Töpfer- und Keramik-werkstätten
untergebracht, in denen seinerzeit insbesondere
Amphoren zum Transport von Fischkonserven
hergestellt wurden.
Von
der "Plaza de los Hornos Púnicos”
aus ist es nun auch nicht mehr weit bis zur
"Peña del Camarón“,
wo einst der beste Flamenco-Künstler
aller Zeiten, José Monge Cruz, "El
Camarón de la Isla“, sein Publikum
begeisterte. Die "Peña del Camarón“
ist eine Art Flamenco-Theater, das freilich
ganz auf das Andenken des "Camarón“
ausgerichtet ist. So finden sich hier auch
allerlei Devotionalien des 1992 verstorbenen
weltberühmten Künstlers. Immer freitags
und samstags abends finden Flamenco-Konzerte
statt, der Eintritt ist frei. "El Camarón“,
der im Ausland insbesondere durch seine perfekte
musikalische Symbiose mit Paco de Lucía
berühmt wurde, begann seine professionelle
Karriere schon im Alter von acht Jahren. Seine
ersten Auftritte hatte er in der bereits heute
legendären "Venta de Vargas“,
einem noch immer existierenden, urtypisch
andalusischen Lokal, das heute als Mekka für
Liebhaber der regionalen Küche gilt (Venta
de Vargas, Plaza de Juan Vargas, ohne Hausnummer,
Tel.: 956 881 622). Achtung: Zumindest am
Wochenende läuft hier ohne Reservierung
garnichts.
Ein weiteres Highlight, das die Stadt San
Fernando ihren Besuchern zu bieten hat, ist
das "Museo Naval“, das Marine-Museum
(Población Militar de San Carlos, C./Almirante
Baturone Colombo, ohne Hausnummer, Tel.: 956
599 052, Besuchszeiten samstags und sonntags,
jeweils 10.30 bis 13.30 Uhr), für dessen
Besichtigung man mindestens zwei Stunden Zeit
einplanen sollte. Alleine der neoklassizistische
Bau, in dem das 1843 eingeweihte Marine-Museum
untergebracht ist, beeindruckt auf den ersten
Blick. Neben dem Museum ist hier auch eine
Offiziersschule der spanischen Kriegsmarine
angesiedelt. Drinnen gibt es zwei völlig
unterschiedliche Teile.
Zunächst
ist da das Pantheon – vom Eingang aus
kommend rechts – der Ehrentempel für
die in allen bisherigen Schlachten gefallenen
spanischen Seeleute. Zentraler Punkt des Pantheon
ist eine Art überdimensionale Kapelle,
die um einen kleinen künstlichen See
herumgebaut ist, der die Weltmeere symbolisiert.
In einer Wandnische steht ein riesiger Sarkophag,
Symbol für die Gefallenen. Im Kuppeldach
der Kapelle sind die Namen der in den Kriegen
der vergangenen 500 Jahre gesunkenen spanischen
Kriegsschiffe verewigt. Beeindruckend ist
auch das den Besucher allenthalben überraschende
Lichtspiel, das die Bleifenster dieser wie
eine Kathedrale anmutende Gedenkstätte
auf Boden und Wände zeichnen.
Gegenüber dem Pantheon liegt das eigentliche
Museum, dessen Eingang gleich
eine original erhaltene russische Kanone ziert,
die die spanische Marine 1817
anschaffte. Über eine großzügige
Wandeltreppe, die in eine wunderschöne,
mit original Delfter Kacheln geschmückte,
säulengestützte, lichtdurchflutete
Galerie mündet, gelangt man in die zweite
Etage des Museums, in der sich die wichtigsten
Ausstellungsstücke finden. Neben allerlei
gruseligem Krimskrams, wie etwa zwei Flammenwerfern
aus dem Ersten Weltkrieg oder den unterschiedlichsten
historischen Munitionstypen, gibt es hier
eine originalgetreue Kopie der ersten detaillierten
Seekarte der Welt zu sehen, die der aus El
Puerto de Santa María stammende Juan
de la Cosa bereits im 15. Jahrhundert zeichnete.
Schiffsmodelle, originale historische Schiffsausrüstungsgegenstände,
Uniformen, Fahnen, Karten und Gemälde
berühmter Seeschlachten sowie zahlreiche
Fotografien – z.B. ein Foto des ersten
spanischen Flugzeugträgers – bilden
die wichtigsten Exponate dieses wirklich sehenswerten
Museums.
Geheimtipps
für Romantiker
Das von allen nur nach seinem legendären
Besitzer "El Bartolo“ genannte
Chiringuito (Strandbude) "Cantina del
Titi“ erreicht man nur nach einer etwas
mühsamen Fahrt durch San Fernandos Arbeiter-
und Fischerviertel Barrio de la Casería.
Das "Cantina del Titi“ ist mit
Sicherheit eine der urigsten Spelunken der
Iberischen Halbinsel und noch ein absoluter
Geheimtipp, verkehren doch in dem bunt angepinselten
Bretterverhau mit romantischem Traumblick
auf die Bucht von Cádiz normalerweise
nur Einheimische.
Chrarakteristisch auch das Rattern des gleich
neben dem Eingang stehenden Dieselgenerators,
der hier seit je her die Stromversorgung übernimmt.
Einmal auf der sonnenüberfluteten, atlantikumspülten
Terasse im zweiten Stock der Baracke Platz
genommen, bestellen wir fangfrische Boquerones,
Chocos und Puntillitas, das Ganze frittiert,
wie es sich für Cádiz gehört.
Dazu eiskaltes "Alhambra“-Bier,
natürlich aus der Flasche. Romantisch
ist hier nicht nur die rustikale, familiäre
Seeräuberatmosphäre, sondern auch
die Preise scheinen
aus einer anderen Zeit zu stammen: Für
rund zehn Euro werden zwei Personen satt und
besser kann der "Peh´caito frito“
(typisch gaditanischer frittierter Fisch)
auch im teuren Luxus-Schuppen in Cádiz-Stadt
nicht schmecken. Im Sommer ist das "Cantina
del Titi“ ein beliebtes Ziel für
frisch Verliebte, nirgendwo sonst gibt es
einen schöneren Sonnenuntergang zu sehen.
Liebhaber fast schon herrlich kitschiger,
postkarten- und filmreifer Sonnenuntergänge
kommen auch am zum Gemeindegebiet von San
Fernando gehörenden Castillo-Strand (Playa
del Castillo) voll auf ihre Kosten. Der etwa
vier Kilometer außerhalb gelegene Dünenstrand
präsentiert sich dem Reisenden
noch genau so, wie Gott ihn einst geschaffen
hat: fast wie Puderzucker hebt sich der feine
weiße Sand vom tief blauen andalusischen
Himmel
ab, mit dem er am Horizont zu verschmelzen
scheint. Wir schreiben Mitte März, weit
und breit ist keine Menschenseele zu sehen.
Ein fast unwirklich schönes Stückchen
Paradies, das, einem Wunder gleich, noch nicht
mit Hotels oder Bungalows Marke "Abwaschbar
und alles aus einem Guss“ zugepflastert
wurde.
Aus unserer Sicht führt das Küstenstädtchen
San Fernando völlig zu Unrecht ein gewisses
Mauerblümchendasein neben seiner großen
Schwester Cádiz. Die Stadt hat viel
zu bieten, sowohl architektonsich, als auch
kulturell. Hinzu kommt der oben beschriebene,
noch völlig naturbelassene Traumstrand.
Nicht umsonst wählen immer mehr junge
Familien aus der Provinzhauptstadt, die die
astronomischen Immobilienpreise in Cádiz
nicht mehr zahlen könnnen, die kokette
kleine Schwester San Fernando als Wohnsitz.
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