Freitag, 10. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Nur etwa 15 Autominuten in östlicher Richtung von Cádiz-Stadt liegt mit dem typisch andalusischen Städtchen San Fernando eine weitere verborgene, verkannte Schönheit der Costa de la Luz. Was keiner weiß: Die ehemalige Insel San Fernando verfügt heute über einen der letzten noch völlig unberührten Dünenstrände der Iberischen Halbinsel, ein Paradies für alle Naturliebhaber und Puristen. Daneben ist die von den Einheimischen nur "La isla" (die Insel) genannte Stadt Wiege und gleichsam Mekka des modernen spanischen Flamenco, wurde doch in San Fernando der legendäre Camarón, "El Camarón de la Isla", geboren, den man hierzulande wie einen Heiligen verehrt. Auch Spaniens derzeit international erfolgreichste Flamenco-Sängerin, "La Niña Pastori", stammt aus San Fernando, wo sie mit dem Song "Cádiz" eine der schönsten Liebeserklärungen an die Nachbarstadt Cádiz verfasst hat, die jemals aus der Feder eines Künstlers geflossen sind. Freilich sind Cádiz und San Fernando ohnehin traditionell sehr eng miteinander verbunden, wurde doch im frühen 19. Jahrhundert an beiden Orten sehr zeitnah das Fundament für die erste demokratische Verfassung Spaniens gelegt.

Das urbane San Fernando: Wiege der spanischen Demokratie
Wir befinden uns im Jahre 1810 n. Chr. Ganz Iberien ist von den Galliern besetzt...Ganz Iberien? Nein! Zwei von unbeugsamen Gaditanos bevölkerte Städte hören nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht, für die gallischen Legionäre...
So würde wohl ein fiktives Abenteuer des Comic-Helden Asterix in Cádiz seinen Anfang nehmen. Tatsache ist allerdings, dass die beiden "Inselstädte“ San Fernando und Cádiz seinerzeit die einzigen "freien“, nicht von napoleonischen Truppen besetzten Orte auf der Iberischen Halbinsel waren. Das liberale Spanien hatte sich 1810 nach San Fernando zurückgezogen, das damals noch "Villa de la Real Isla de León“ hieß.
Am 24. September 1810 wurde im heutigen Rathaus von San Fernando, im Rahmen einer Sondersitzung des "Parlamentes“, beschlossen, eine demokratische Verfassung auszuarbeiten, die, nach dem Abzug der Franzosen, in ganz Spanien zum Tragen kommen sollte.
Anschließend begaben sich die Abgeordneten zur Iglesia Mayor (Hauptkirche) von San Fernando, um dort den zuvor gefassten Beschluss durch einen feierlichen Schwur zu bekräftigen. Dananch wurde im heutigen Teatro Real (Königliches Theater), dem damaligen "Teatro Cómico“, eine erste offizielle Sitzung abgehalten. Schließlich war es der Ausbruch einer Gelbfieber-Epidemie, der dazu führte, dass die "freien“ Parlamentarier ihre Sitzungen ab Februar 1811 im banachbarten Cádiz abhalten mussten. Gut ein Jahr später, am 19. März 1812, wurde dort, in der in Cádiz´ Altstadt gelegenen Kirche "Oratorio de San Felípe Neri“, die erste demokratische Verfassung Spaniens verabschiedet und unterzeichnet. Letztere wird noch heute im Volksmund als "Pepa“ betitelt, ist doch der 19. März hierzulande Namenstag aller "Josés“, Vatertag in Spanien (Freilich ist "Pepa“ die weibliche Kurzform von José, ein Name, auf den in Spanien sowohl Jungen als auch Mädchen getauft werden).


Punische Öfen, Peña del Camarón und Marine-Museum
Nach der Besichtigung dieser ebenso geschichtsträchtigen wie architektonisch reizvollen Stätten im historischen Zentrum von San Fernando, mit seiner kolonialen Flaniermeile Calle Real, raten wir Besuchern zu einem Abstecher zu den ebenfalls nahe der Altstadt gelegenen Punischen und Phönizischen Öfen ("La Plaza de los Hornos Púnicos en San Fernando“, Kreuzung der Straßen Benjamín López, Rafael Alberti und Avda. Al Andalus). Dort hat das Rathaus in mehreren gläsernen Pavillons Teile in San Fernando ausgebrabener punischer und phönizischer Töpfer- und Keramik-werkstätten untergebracht, in denen seinerzeit insbesondere Amphoren zum Transport von Fischkonserven hergestellt wurden.
Von der "Plaza de los Hornos Púnicos” aus ist es nun auch nicht mehr weit bis zur "Peña del Camarón“, wo einst der beste Flamenco-Künstler aller Zeiten, José Monge Cruz, "El Camarón de la Isla“, sein Publikum begeisterte. Die "Peña del Camarón“ ist eine Art Flamenco-Theater, das freilich ganz auf das Andenken des "Camarón“ ausgerichtet ist. So finden sich hier auch allerlei Devotionalien des 1992 verstorbenen weltberühmten Künstlers. Immer freitags und samstags abends finden Flamenco-Konzerte statt, der Eintritt ist frei. "El Camarón“, der im Ausland insbesondere durch seine perfekte musikalische Symbiose mit Paco de Lucía berühmt wurde, begann seine professionelle Karriere schon im Alter von acht Jahren. Seine ersten Auftritte hatte er in der bereits heute legendären "Venta de Vargas“, einem noch immer existierenden, urtypisch andalusischen Lokal, das heute als Mekka für Liebhaber der regionalen Küche gilt (Venta de Vargas, Plaza de Juan Vargas, ohne Hausnummer, Tel.: 956 881 622). Achtung: Zumindest am Wochenende läuft hier ohne Reservierung garnichts.

Ein weiteres Highlight, das die Stadt San Fernando ihren Besuchern zu bieten hat, ist das "Museo Naval“, das Marine-Museum (Población Militar de San Carlos, C./Almirante Baturone Colombo, ohne Hausnummer, Tel.: 956 599 052, Besuchszeiten samstags und sonntags, jeweils 10.30 bis 13.30 Uhr), für dessen Besichtigung man mindestens zwei Stunden Zeit einplanen sollte. Alleine der neoklassizistische Bau, in dem das 1843 eingeweihte Marine-Museum untergebracht ist, beeindruckt auf den ersten Blick. Neben dem Museum ist hier auch eine Offiziersschule der spanischen Kriegsmarine angesiedelt. Drinnen gibt es zwei völlig unterschiedliche Teile.

Zunächst ist da das Pantheon – vom Eingang aus kommend rechts – der Ehrentempel für die in allen bisherigen Schlachten gefallenen spanischen Seeleute. Zentraler Punkt des Pantheon ist eine Art überdimensionale Kapelle, die um einen kleinen künstlichen See herumgebaut ist, der die Weltmeere symbolisiert. In einer Wandnische steht ein riesiger Sarkophag, Symbol für die Gefallenen. Im Kuppeldach der Kapelle sind die Namen der in den Kriegen der vergangenen 500 Jahre gesunkenen spanischen Kriegsschiffe verewigt. Beeindruckend ist auch das den Besucher allenthalben überraschende Lichtspiel, das die Bleifenster dieser wie eine Kathedrale anmutende Gedenkstätte auf Boden und Wände zeichnen.

Gegenüber dem Pantheon liegt das eigentliche Museum, dessen Eingang gleich eine original erhaltene russische Kanone ziert, die die spanische Marine 1817 anschaffte. Über eine großzügige Wandeltreppe, die in eine wunderschöne, mit original Delfter Kacheln geschmückte, säulengestützte, lichtdurchflutete Galerie mündet, gelangt man in die zweite Etage des Museums, in der sich die wichtigsten Ausstellungsstücke finden. Neben allerlei gruseligem Krimskrams, wie etwa zwei Flammenwerfern aus dem Ersten Weltkrieg oder den unterschiedlichsten historischen Munitionstypen, gibt es hier eine originalgetreue Kopie der ersten detaillierten Seekarte der Welt zu sehen, die der aus El Puerto de Santa María stammende Juan de la Cosa bereits im 15. Jahrhundert zeichnete.
Schiffsmodelle, originale historische Schiffsausrüstungsgegenstände, Uniformen, Fahnen, Karten und Gemälde berühmter Seeschlachten sowie zahlreiche Fotografien – z.B. ein Foto des ersten spanischen Flugzeugträgers – bilden die wichtigsten Exponate dieses wirklich sehenswerten Museums.

Geheimtipps für Romantiker
Das von allen nur nach seinem legendären Besitzer "El Bartolo“ genannte Chiringuito (Strandbude) "Cantina del Titi“ erreicht man nur nach einer etwas mühsamen Fahrt durch San Fernandos Arbeiter- und Fischerviertel Barrio de la Casería. Das "Cantina del Titi“ ist mit Sicherheit eine der urigsten Spelunken der Iberischen Halbinsel und noch ein absoluter Geheimtipp, verkehren doch in dem bunt angepinselten Bretterverhau mit romantischem Traumblick auf die Bucht von Cádiz normalerweise nur Einheimische.
Chrarakteristisch auch das Rattern des gleich neben dem Eingang stehenden Dieselgenerators, der hier seit je her die Stromversorgung übernimmt.
Einmal auf der sonnenüberfluteten, atlantikumspülten Terasse im zweiten Stock der Baracke Platz genommen, bestellen wir fangfrische Boquerones, Chocos und Puntillitas, das Ganze frittiert, wie es sich für Cádiz gehört. Dazu eiskaltes "Alhambra“-Bier, natürlich aus der Flasche. Romantisch ist hier nicht nur die rustikale, familiäre Seeräuberatmosphäre, sondern auch die Preise scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen: Für rund zehn Euro werden zwei Personen satt und besser kann der "Peh´caito frito“ (typisch gaditanischer frittierter Fisch) auch im teuren Luxus-Schuppen in Cádiz-Stadt nicht schmecken. Im Sommer ist das "Cantina del Titi“ ein beliebtes Ziel für frisch Verliebte, nirgendwo sonst gibt es einen schöneren Sonnenuntergang zu sehen.
Liebhaber fast schon herrlich kitschiger, postkarten- und filmreifer Sonnenuntergänge kommen auch am zum Gemeindegebiet von San Fernando gehörenden Castillo-Strand (Playa del Castillo) voll auf ihre Kosten. Der etwa vier Kilometer außerhalb gelegene Dünenstrand präsentiert sich dem Reisenden noch genau so, wie Gott ihn einst geschaffen hat: fast wie Puderzucker hebt sich der feine weiße Sand vom tief blauen andalusischen Himmel ab, mit dem er am Horizont zu verschmelzen scheint. Wir schreiben Mitte März, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ein fast unwirklich schönes Stückchen Paradies, das, einem Wunder gleich, noch nicht mit Hotels oder Bungalows Marke "Abwaschbar und alles aus einem Guss“ zugepflastert wurde.
Aus unserer Sicht führt das Küstenstädtchen San Fernando völlig zu Unrecht ein gewisses Mauerblümchendasein neben seiner großen Schwester Cádiz. Die Stadt hat viel zu bieten, sowohl architektonsich, als auch kulturell. Hinzu kommt der oben beschriebene, noch völlig naturbelassene Traumstrand. Nicht umsonst wählen immer mehr junge Familien aus der Provinzhauptstadt, die die astronomischen Immobilienpreise in Cádiz nicht mehr zahlen könnnen, die kokette kleine Schwester San Fernando als Wohnsitz.