Das
ungerechte Dasein einer verkannten Schönheit
führt das ca. 40 Kilometer westlich von
Cádiz gelegene Küstenstädtchen
Rota, bei dem die meisten nur an die gleichnamige
US-Militärbasis denken, die seit den
50er Jahren für Ruhe und Sicherheit in
der Meerenge von Gibraltar sorgt. Freilich
ist der Reisende, der zum ersten Male nach
Rota kommt, überrascht, denn nichts erinnert
hier an die Präsenz von immerhin 6.000
US-Militärs, die sich offensichtlich
ausgesprochen diskret verhalten. Vielmehr
verfügt Rota über den ganzen Charme
eines verträumten, andalusischen Fischernestes,
das heute überwiegend vom Tourismus lebt.
Mit insgesamt 16 Kilometern feinsandiger,
flach abfallender Küste ist Rota der
absolute Strand-Spitzenreiter an der Costa
de la Luz.

Costa de la Luz-Entdecker, die per Privat-PKW
unterwegs sind, folgen auch nach der Ankunft
in Rota am besten den Schildern, die Richtung
Sporthafen (Puerto Deportivo `Astaroth´)
führen, der erst 1992, anlässlich
der Segelweltmeisterschaften in der 470er-Klasse
gebaut wurde. Dort gibt es, zumindest zwischen
Oktober und Mai, Parkplätze en masse,
obendrein auch noch gratis.
Allerdings sind die 80 Eurocent "freiwilligen"
Obulus´, die der mutmaßlich städtische
Parkwächter höflich vorschlägt,
sicherlich eine gute Investition, hat man
so doch die Gewissheit, dass jemand aufpasst.
Direkt gegenüber dem Hafen führt
eine steile Treppe mitten hinein ins Herz
der Altstadt von Rota, dem Casco Antiguo,
wo wir unsere Entdeckungstour beginnen wollen.
Die kann beispielsweise im "Mondschloss",
dem Castillo de la Luna, beginnen, dort, wo
sowohl das Rathaus wie das Touristen-Informationsbüro
von Rota untergebracht sind.
Wie so viele öffenliche Gebäude
in Andalusien, so ist auch das Castillo de
la Luna muslimischen Ursprungs, wurde dann
aber im Rahmen der Reconquista Rotas ab dem
13. Jahrhundert wieder nach gotischem Geschmack
umgebaut. Wie fast immer in diesen Fällen,
bewiesen die nordspanischen Rückeroberer
viel Pragmatismus, so dass die "arabischen"
Elemente der ehemaligen Festung bis heute
erhalten geblieben sind. Natürlich handelt
es sich bei dem Bauwerk nicht mehr um die
komplette Original-Substanz, jedoch haben
die Restauratoren hier ganze Arbeit geleistet,
um diesem Wahrzeichen Rotas Stein für
Stein sein originäres Antlitz wiederzuverleihen.
Typisch für den Mudéjar-Stil wird
der Innenhof aus 16 Halbbögen gebildet,
wobei lediglich die vier Ecksäulen aus
Marmor bestehen, die restlichen sind aus Sandstein.
Im rechten Säulengang des Innenhofes
findet sich ein besonders schönes Beispiel
für ein gotisches Wandmosaik aus dem
15 Jahrhundert, möglicherweise anlässlich
eines Besuches der Katholischen Könige
entstanden.
Die Damen im gleich an den Innenhof anschließenden
Touristeninformations-Büro sind überaus
freundlich und geduldig, das mehrsprachige
Prospektmaterial ist ausgesprochen komplett.
Gleich gegenüber dem Castillo de la Luna
liegt die Iglesia Parroquial de Nuestra Señora
de la O (Pfarrkirche unserer Guten Frau vom
O), die 1537 fertiggestellt wurde.

Bereits die dritte Kirche dieses Namens, auf
die wir in der Provinz Cádiz treffen,
wirkt die hiesige Iglesia de la O von außen
eher wie eine Festungsanlage - typisch für
den architektonischen Geschmack der damaligen
Zeit, als das koloniale Spanien unter dem
Habsburger Karl I. (V.) den Höhepunkt
seiner Macht erreichte. Dass damals viele
in Rota ansässige Kaufleute eine Menge
Geld mit dem Übersee-Handel verdienten,
erkennt man erst beim Betreten des wirklich
sehenswerten Inneren des Tempels, in dem eine
wundervolle, fast kühle und doch auch
mystische Stille spürbar wird, die der
Reisende unbedingt einen Augenblick lang genießen
sollte.

Hier mischen sich
gotische Elemente mit andalusischem Barrock
und dem hierzulande weit verbreiteten Plateresken-Stil.
Der Einsatz von massivem Silber im Kirchenschmuck,
das aus den spanischen Kolonien auf dem amerikanischen
Kontinent herbeigeschafft wurde, ist in ganz
Andalusien Usus. Oftmals handelt es sich hierbei
um Spenden von durch den Übersee-Handel
schnell reich gewordenen Emporkömmlingen,
die auf diese Weise ihr schlechtes Gewissen
reinwaschen wollten. Das Gleiche gilt für
kirchliche Wachsspenden, einem seinerzeit
extrem teuren Material, aus dem dann jene
Altarkerzen hergestellt wurden, an deren Größe
und Inschrift sich der soziale Status der
jeweiligen Spender ablesen ließ.
Nachdem wir nun bereits die beiden wichtigsten
Monumente der kleinen Altstadt von Rota kennen
gelernt haben, ist es Zeit, sich ein wenig
treiben zu lassen.
So findet man sich beispielsweise ganz unverhofft
in einer Seitengasse, vor der winzigen, zur
Sraße offenen Werkstatt eines Schusters
wieder, wo der Meister noch wie vor hundert
Jahren repariert, mit einem beneidenswert
zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Die touristische Hauptattraktion Rotas sind
natürlich die schier kein Ende nehmen
wollenden, ewig breiten und blitzsauberen
Strände, an denen der Atlantikwind mit
unbändiger Kraft jeden Ansatz von wüstem
Massen-Badebetrieb hinwegpustet. Von der Altstadt
aus hat man beispielsweise direkten Zugang
zum gut anderthalb Kilometer langen Stadtstrand
El Rompillo, der über die gängigen
Service-Einrichtungen wie Rettungsdienst,
Megaphonie-Ausrufdienst und Toilettenanlagen
verfügt. Als einer der schönsten
Strände Spaniens gilt La Costilla, den
man ebenfalls von nahezu jedem Punkt der Altstadt
aus in wenigen Minuten erreicht. Von den Einheimischen
wird La Costilla auch liebevoll La Concha
del Sur, "Die Muschel des Südens",
genannt.
Nur etwa funf Autominuten von Rota
entfernt liegt die Luxusurbanisation Costa
Ballena, die nicht nur an einem der schönsten
Strände Spaniens liegt, sondern unter
anderem auch einen 36-Hole-Golfplatz mit Meerblick
umfasst.
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