Im
äußersten Nordosten der Provinz
Cádiz gelegen, findet sich die mittelalterlich
geprägte Grenzstadt Olvera, die ebenfalls
offiziell zu den "Weißen Dörfern",
den Pueblos Blancos des andalusischen Westens
gehört. Wohl an kaum einem anderen Ort
in Andalusien wird dem Reisenden so sehr wie
hier bewußt, dass dieser Teil Spaniens
über Jahrhunderte hinweg Krisenregion
war, Aufmarschgebiet im nicht enden wollenden
Kampf zwischen moslemischen Berbern, Arabern
und christlichen Ritterorden aus Nordspanien,
um die Vorherrschaft im Süden der Iberischen
Halbinsel. So ist denn auch das von weitem
sichtbare Wahrzeichen von Olvera eine wie
ein riesiger Adlerhorst über der Stadt
thronende Burganlage, mit deren Bau bereits
die Nasriden des Königreichs von Granada
im 13. Jahrhundert begannen. Ihre heutige
Form nahm diese beeindruckende Festungsanlage
freilich erst nach der christlichen Rückeroberung
Olveras im Jahr 1327 an.
Sehr
viel gibt es nicht zu sehen, in diesem ganz
am äußeren Nordostrand der Provinz
Cádiz gelegenen 10.000-Seelenstädtchen,
jedoch ist das Wenige, was der Ort aus kunsthistorischer
Sicht zu bieten hat, überaus beeindruckend.
Zunächst einmal geraten wir aber gleich
nach der Einfahrt ins Zentrum von Olvera in
einen überaus beeindruckenden Stau, denn
es ist Samstag Vormittag und das bedeutet,
dass das Ortsinnere von einem jener leidigen
Krämermärkte verstopft ist, wie
sie in ganz Andalusien immer genau dort stattfinden,
wo sie den Verkehrsfluss am meisten behindern.
Nachdem uns ein freundlicher Beamter der Policía
Local (Städtische Polizei), der das Chaos
mit stoischer Ruhe überwacht, zu einem
Parkplatz verholfen hat, beginnen wir unsere
Entdeckungstour Richtung Altstadt.
Wie fast immer in den Pueblos Blancos steht
auch hier dem historischen Vergnügen
zunächst ein recht mühsamer Aufstieg
in den oberen, mittelalterlichen Teil der
Stadt bevor. Verlaufen kann man sich hier
nicht, als Orientierungshilfe dient uns gleich
die erste monumentale Station, die im 19.
Jahrhundert erbaute klassizistische Kathedrale
von Olvera, die Iglesia Parroquial Nuestra
Señora de la Encarnación (Pfarrkirche
unserer Heiligen Jungfrau der Inkarnation),
deren beiden Glockentürme wie zwei mahnende
Finger eines Riesen in den strahlend blauen
Himmel ragen.
Das Bauwerk wirkt fast wie eine Nummer zu
groß geraten, für einen solch kleinen
Ort, ein Phänomen, wie man es in Südspanien
häufig antrifft. Schließlich wurde
auch diese Kathedrale genau auf dem Gelände
der ehemaligen Moschee von Olvera errichtet,
ganz so, als ob die christlichen Baumeister
auch wirklich jeden Überrest des moslemischen
Gotteshauses ein für alle mal und für
alle Ewigkeit begraben wollten.
Schräg gegenüber dem hinteren Teil
der Kirche liegt das städtische Tourismus-Büro
(Oficina de Turismo) von Olvera, das schon
eher an einen kommerziellen Souvenirshop erinnert,
gibt es hier doch allen möglichen für
Touristen gemachten Nippes zu kaufen. Gleich
nebenan, bereits am Fuße der mittelalterlichen
Burganlage gelegen, ist das sogenannte Centro
Cultural La Cilla (Kulturzentrum im Alten
Getreidespeicher) untergebracht. Dort gibt
es eine zwar kostenpflichtige (€ 1,50)
aber dennoch lohnenswerte Dauerausstellung
über das maurische Andalusien und die
verschiedenen Epochen der Reconquista (Rückeroberung
des moslemischen Andalusiens durch nordspanische
Christen) zu sehen. Ergänzt wird das
Ganze durch eine Reihe etwas infantiler, lebensgroßer
Darstellungen von Alltagszenen aus dem rückeroberten
Olvera des 14. Jahrhunderts.
IKrönender
Abschluss eines jeden Besuches des historischen
Olvera ist natürlich die Begehung des
Castillo Árabe, der auf dem höchsten
Punkt der Stadt gelegenen Festungsanlage,
mit deren Bau bereits im 12. Jahrhundert begonnen
wurde. Von hier aus genießt der Reisende
einen atemberaubenden Blick auf Olvera und
sein geschichtsträchtiges Umland.
Wem es jetzt, nach so viel trockener Historie,
eher nach weltlichen Genüssen zumute
ist, dem sei noch unbedingt die Einkehr in
eines der besten Tapa-Lokale ganz Andalusiens,
der Bodeguita mi Pueblo (etwa:"Meine
kleine Dorfkneipe“) in der C/Mercado
(Marktstraße) im unteren Ortsteil empfohlen.
In der ebenso originellen wie gemütlichen
Kneipe trifft sich samstags vormittags das
bessere einheimische Publikum zum Frühschoppen
und, natürlich, zum Tapeo (in Andalusien
zu einer regelrechten Kunst entwickelter Brauch
des mitunter stundenlangen Tapa-Essens). Das
Ganze ist ein wirkliches Erlebnis, alle hier
stets frisch zubereiteten Tapas sind ein Genuss,
so dass wir ausnahmsweise einmal keine bestimmte
Empfehlung geben wollen.
Geheimtipp für
Wanderfreunde
Für
Wanderfreunde und Mountainbiker hat Olvera
noch etwas ganz Besonderes zu bieten, die
Via Verde de la Sierra ("Grüner
Gebirgswanderweg“). Dabei handelt es
sich um eine bereits im 19. Jahrhundert geplante,
dann im frühen 20. Jh. begonnene aber
niemals fertig gestellte oder gar in Betrieb
genommene Eisenbahnstrecke, die sich heute
zu einem wunderschönen Wander- Fahrrad-
und Reitweg gemausert hat. Die ebene, auch
für ältere Menschen geeignete Strecke,
führt auf ihrem rund 36 Kilometer langen
Verlauf zwischen den Gemeinden Olvera und
Puerto Serrano durch eine mediterran geprägte
Gebirgslandschaft, die immer wieder durch
seinerzeit für den Zugverkehr konzipierte
Tunnel und Viadukte unterbrochen wird. Etwa
auf halber Strecke liegt der Peñon
de Zaframagón (Zaframagón-Felsen).
Hier ist eine der größten Gänsegeier-Kolonien
der Iberischen Halbinsel angesiedelt, die
in freier Natur beobachtet werden kann. Unterwegs
gibt es mehrere heute zu Wanderheimen umgebaute
Bahnhöfe, von denen drei als Hotelbetrieb
funktionieren (Estación de Olvera,
Estación de Coripe und Estación
de Puerto Serrano).
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