Die
bekannteste "Weiße Ortschaft"
der Provinz Cáidz ist sicherlich Grazalema,
gibt die Stadt doch einer ganzen Mittelgebirgslandschaft
– der Sierra de Grazalema – ihren
Namen. Schon die Anfahrt, etwa aus Benamahoma
kommend, ist beeindruckend. Plötzlich
taucht das gut 800 Meter über dem Meeresspiegel,
in einer sich zwischen zwei Gebirgsketten
auftuenden Mulde liegende Grazalema wie eine
Luftspiegelung auf, weiß-golden in der
Nachmittagssonne glänzend. Das 2.300-Seelenstädtchen
ist unter anderem für seine Deckenmanufaktur
bekannt, wo nach seit Generationen überlieferter
Handwerkstradition Ponchos aus Schafswolle
hergestellt werden.
Die
kleine Tankstelle am Ortsausgang wirkt verlassen,
doch hinten in der Ecke steht ein tipp-topp
gepflegter 600-er Seat aus der Zeit des beginnenden
spanischen Wirtschafs-Booms, dessen beigefarbener
Originallack frisch gewienert glänzt.
"Repariere ich grade für ´nen
Stammkunden“, informiert uns der freundliche
Tankwart, in dessen Gesicht die gnadenlose
Gebirgssonne tiefe Furchen gegraben hat. Diesel
gibt es heute leider keins, der Nachschublaster
hat mal wieder Verspätung. Als Trostpflaster
putzt uns der gute Mann die Scheiben, wechselt
sogar ein längst abgestorbenes Wischerblatt
aus, das Ganze ohne einen Cent dafür
zu verlangen. Immer wieder stellen wir auf
unserer Reise durch das Hinterland der Provinz
fest, wie freundlich, wie unverdorben die
Menschen hier sind – Stress und miese
Laune als Dauerzustand sind hierzulande –
noch – unbekannt.
Dafür schimpft die Frau am Infoschalter
des städtischen Tourismus-Büros
von Grazalema über die stetig steigende
Anzahl britischer Residenten, die mutmaßlich
ihre Heimatstadt Stück für Stück
aufkaufen: "Die verderben uns die ganzen
Preise, die jungen Leute können sich
hier bald keine Wohnungen mehr leisten!";
ansonsten empfiehlt sie uns den Besuch in
der nahe gelegenen Deckenfabrik, die, so weiß
sie, ist aber heute leider geschlossen. Macht
nichts, schließlich werden die Grazalema-Decken
und Ponchos in einem Souvenirshop im zweiten
Stock, gleich über der Oficina de Turismo,
angeboten.
Die
sehr freundliche Inhaberin des kleinen Ladens
– die ihre Jugend in Mannheim verbracht
hat und daher fließend Deutsch spricht
– erzählt uns, dass schon die berühmt-berüchtigten
Bandoleros (Straßenräuber), die
insbesondere im späten 18. und frühen
19. Jahrhundert in den Sierras von Cádiz
und Málaga ihr Unwesen trieben, die
Ponchos aus Grazalema als "Markenzeichen“
trugen. Im Grunde genommen gibt es hier alles
zu kaufen, was die Handwerkskunst in der Sierra
de Grazalema zu bieten hat:
- Badezusätze, Parfums und Seifen aus
natürlichen Rohstoffen
- Schafs- und Ziegenkäse,
- Honig
- Lederwaren und Keramikarbeiten

Grazalema ist zweifelsohne ein sehr schöner,
malerischer Ort, der insbesondere durch seine
exotische geographische Lage beeindruckt.
Aus kunsthistorischer Sicht ist die Kleinstadt
aber eher weniger interessant, so dass der
Reisende für seinen Besuch hier nicht
länger als maximal einen Tag einplanen
sollte.
|