Freitag, 10. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Gut 20 Kilometer nördlich von Cádiz liegt das rund 74.000 Einwohner zählende Hafenstädtchen El Puerto de Santa María, das die meisten aus dem Norden kommenden Reisenden sofort mit seinem ganz besonderen, einzigartigen Charme verzaubert. Der Ort, von den Einheimischen einfach nur kurz "El Puerto" genannt, erfüllt viele andalusische Klischees, ohne dabei kitschig zu wirken. Das geschichtsträchtige El Puerto de Santa María spielte auch im Rahmen der Entdeckung Amerikas eine fundamentale Rolle, fand doch hier Cristóbal Colón (Christoph Kolumbus) in dem Abenteurer und Kartographen Juan de la Costa einen seiner wichtigsten Unterstützer, der ihm schließlich die Karavelle "Santa María" für die 1492 stattfindende erste Entdeckungsreise zur Verfügung stellte. Im Jahre 1500 zeichnete de la Costa, der Kolumbus auf seinen beiden ersten Reisen begleitete, in El Puerto die erste Seekarte der Geschichte, auf der die bis seinerzeit bekannte Welt komplett dargestellt war. Heute ist El Puerto de Santa María insbesondere als nationales Sommerferien-Ziel sowie bei Gourmets und Nachtschwärmern beliebt. Ein absolutes Muss ist die vom Hafen von Cádiz aus startende Reise nach El Puerto mit mit dem historischen Küstendampfer "Adriano Tercero", der im Volksmund liebevoll El Vaporcito (das Dampfschiffchen) genannt wird, kam doch bis Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wirklich noch ein echtes Dampfschiff auf der Strecke zum Einsatz.


"Achtung!, Achtung!", brüllt der Kapitän mit donnernder Stimme über die mit bleichen Landratten prall gefüllten Holzbänke auf dem Oberdeck des Vaporcito, "jetzt bitte die Ohren zuhalten!". Sofort darauf drängt ein in der Tat ohrenbetäubender, fast schon brutaler Stoß aus dem Nebelhorn, den man in dieser Lautstärke von dem altehrwürdigen Küstenschiff nie und nimmer erwartet hätte. Ein ordentlicher Ruck – und schon geht die Fahrt los, zunächst mit halber Kraft voraus, durch das Hafenbecken von Cádiz, Richtung Puerto Real, mit seinen beeindruckenden Werftanlagen. Spätestens jetzt wird uns Möchtegern-Seeleuten klar, dass es auf der Fahrt von Cádiz-Stadt nach El Puerto de Santa María ein gutes Stück übers offene Meer geht: Der greise Diesel des Vaporcito muss seine letzten Reserven aktivieren, um gegen die Strömung anzukämpfen.
Dabei hebt und senkt sich der schwerfällige Kahn bedrohlich auf und ab, neigt sich immer wieder tief zur Seite, mal nach rechts, mal nach links, wobei der eine oder andere Passagier, der sich voreilig zu weit nach außen gesetzt hat, mit einem lauten "Platsch“ ordentlich von der Atlantik-Gischt abgeduscht wird. Achterbahn-Feeling, das doch nicht alle lustig finden; das hinter uns sitzende französische Ehepaar mittleren Alters bedient sich der Sprache Molières, um unablässlich über die allzu tollkühnen Gepflogenheiten der spanischen Seefahrt und den Infantilismus der einheimischen Passagiere zu meckern.
Die meisten Fahrgäste quietschen freilich vor Vergnügen, das Ganze ist einfach ein riesen Spaß, und insbesondere die Kinder sind hin und weg.
Nach einer guten dreiviertel Stunde dann die Einfahrt in den Fluss-Hafen von El Puerto de Santa María, die Anlegestelle liegt praktischerweise direkt gegenüber dem historischen Zentrum, so dass der Reisende sofort nach der Ankunft mit seiner Entdeckungstour beginnen kann.
Wer allerdings nach so viel Seeluft jetzt schon Hunger bekommen hat, dem sei das ebenfalls genau gegenüber dem Ankerplatz des Vaporcito liegende Traditionslokal "El Romerijo" empfohlen, um sich für das anstehende Sightseeing zu stärken.
Man sollte sich nicht von der etwas kantinenmäßigen Atmosphäre dieser riesigen Freiduría (Fischbräterei) täuschen lassen, die sich gleich über zwei Sraßenhälften verteilt, schließlich konnte das Romerijo nur mit stets gleichbleibender Qualität zu seiner heutigen Berühmtheit gelangen.
Die Spezialität des Hauses sind fangfrische Meeresfrüchte, die man sich an der Theke selbst aussuchen kann und natürlich das "Nationalgericht“ der Provinz Cádiz, der Peh´caíto frito (verschiedene frittierte Fischsorten). Angesichts des hier ganzjährig voherrschenden, riesigen Andrangs ist der Service erstaunlich flott und freundlich, die Preise sind noch zivil, vorausgesetzt, man bestellt keine Krustentiere.
Derart gestärkt, kann man sich nun einfach etwas durch die Altstadt treiben lassen, deren elegante Architektur klar vom Geschmack des 17. und 18. Jahrhunderts geprägt ist. Ebenso wie in Cádiz-Stadt, dominiert hier der sogenannte Kolonialstil, mit seinen typischen überstehenden Holzbalkons und zahlreichen neoklassizistischen Elementen, wie man ihn auch in vielen südamerikanischen Städten und auf den Kanarischen Inseln wiederfinden wird.
Wenn auch nicht so häufig wie in Cádiz, so stößt man doch auch hier immer wieder auf vereinzelte Casas Palacio (Patrizier-Paläste). Dabei handelt es sich um die stark von der italienischen Ästhetik geprägten ehemaligen Privathäuser von im Kolonialhandel reich gewordenen Kaufleuten (Cargadores a Indias), die stets ähnlich strukturiert sind:
Hinter den meist aufwendig mit italienischem Marmor geschmückten, hohen Eingangsportalen, über denen das jeweilige Familienwappen prangt, gelangt man über einen kleinen Verbindungsflur (Casa puerta) in die großzügigen Innenhöfe (Patios) mit ihren sich auf Marmorsäulen stützenden Galerien. Dahinter die erste, oft flache Etage (Entresuelo), in der seinerzeit die Büros und zum Teil auch Lagerräume der jeweiligen Amerika-Handelshäuser untergebracht waren.
Im zweiten Stockwerk lagen die Privatwohnungen der Besitzer, fast immer bis zu gut 300 Quadratmeter groß und äußerst luxuriös mit italienischem Marmor sowie tropischen Edelhölzern geschmückt, wobei letztere meist als Stützbalken (Vigas) in den mindestens vier Meter hohen Decken zum Einsatz kamen.
In der dritten, wesentlich flacheren Etage wohnte das in diesen Haushalten nichts selten zahlreiche Gesinde, das von dort aus einen direkten Zugang zu den auf der Dachterasse (Azotea) liegenden Wirtschaftsräumen hatte. Zuweilen sind die Dachterassen mit sogenannten Miradores oder auch Torres Vigía (Aussichtstürme, Wachtürme) versehen, die nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern auch zur Beobachtung der aus- und einlaufenden Schiffe dienten.
Die großzügigen Innenhöfe dieser Stadtpaläste – eine Reminiszenz an die arabische Architektur – verfügen oft über einen Zierbrunnen und dienten seinerzeit unter anderem als Garage für die Pferdekutschen der Besitzer.
Leider sind in El Puerto de Santa María viele dieser Casas Palacio im vergangenen Jahrhundert verrottet und wurden in der Folge abgerissen – eine Gefahr, von der heute auch die Altstadt des benachbarten Cádiz betroffen ist, die fast ausschließlich aus diesen ehemaligen Bürgerpalästen des 17. bis 19. Jahrhunderts besteht (s. Artikel zu Cádiz-Stadt).
Eines der Wahrzeichen von El Puerto de Santamaría ist die auf die arabische Besatzungszeit zurückzuführende gotische Festungsanlage Castillo de San Marcos (Schloss des Heiligen Markus, Plaza de Alfonso X El Sabio, nº 3), die im 13. Jahrhundert von Alfons X, dem "Weisen“ auf den Überresten der ehemaligen Haupt-Moschee errichtet wurde. Das Gebäude wurde vor einigen Jahren von einem lokalen Spirituosen-Hersteller gekauft und aufwendig renoviert. Das Ergebnis ist freilich nur auf den ersten Blick überzeugend, hat man doch, zumindest bei der Restaurierung des Festungsinneren, im durch ein mutmaßlich allzu üppiges Budget ausgelösten Übereifer, einige architektonische und kunsthistorische Patzer begangen, die bei den geführten Besichtigungstouren immer wieder zum gehässigen Feixen so manchen sachverständigen Globetrotters führen. Nichtsdestotrotz ist der Besuch des beeindruckenden Bauwerks auf jeden Fall interessant und empfehlenswert.

Nur wenige Gehminuten weiter liegt die berühmte Königliche Stierkampfarena (Real Plaza de Toros) von El Puerto de Santa María, die als eine der schönsten ganz Spaniens gilt. Die im Juni 1880 eingeweihte Arena hat ein Fassungsvermögen für 12.000 Zuschauer. Der eigentliche Kampfplatz, mit seinen 60 Metern Durchmesser und dem typischen ockerfarbenen Sand, ist einer der größten der Iberischen Halbinsel. Natürlich ist auch in Spanien schon vor längerer Zeit eine heftige Diskussion über die Frage von Sinn oder Unsinn des archaischen Spektakels entbrannt. Immer mehr junge Leute haben mit der Fiesta Nacional, dem "Nationalen Fest“, wie der Stierkampf hierzulande auch genannt wird, nichts mehr am Hut. Die Stadt Barcelona, die seit den letzten Wahlen von einer Koalition aus Sozialisten und Kommunistischen Ultra-Separatisten regiert wird, hat sich gar jüngst zur "Stierkampffreien Stadt“ erklärt. All dies ändert nichts an der Tatsache, dass der Stierkampf – und die ihn umgebende Mystik – fester Bestandteil der spanischen Kultur ist, der auch heute noch über sehr viele Anhänger verfügt, unter ihnen der spanische König, Juan Carlos de Borbón y Borbón, dem die Arena von El Puerto ihren Namenszusatz "Königliche“ zu verdanken hat. Gerade in der Provinz Cádiz hat die Fiesta Nacional eine lange Tradition, werden hier doch die edelsten und "gefährlichsten“ Kampfstiere gezüchtet. Der Stierkampfarena von El Puerto de Santa María ist eine gewisse Ästhetik nicht abzusprechen, beeindruckend ist das monumentale Bauwerk allemal.
Die Real Plaza de Toros hinter uns lassend, wenden wir uns nun der ebenfalls nahe gelegenen Kathedrale von El Puerto de Santamaría, der Iglesia Mayor Prial, zu, über deren Baubeginn erstmals in Dokumenten aus dem Jahr 1486 berichtet wird. Allerdings war die erste Version der ursprünglich rein gotischen Kathedrale bereits im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts so zerfallen, dass man sich im Jahre 1647 dazu entschloss, einen Neubau zu errichten, die noch erhaltenen Strukturen des ursprünglichen Gebäudes nutzend. So erklärt sich die Mischung gotischer und spätgotischer Elemente mit dem im 17. Jahrhundert so beliebten Plateresk-Stil. Letzterer ist durch das wunderschöne Seitenportal repräsentiert, das erst im Rahmen des oben erwähnten Wideraufbaus geöffnet wurde. Als Baumaterial kam fast ausschließlich in der Provinz Cádiz abgebauter Sandstein zum Einsatz.

Bereits etwas außerhalb des Stadtzentrums aber noch gut zu Fuß zu erreichen, liegt das imposante Monasterio de la Victoria, ein zwischen 1504 und 1517 erbautes ehemaliges Minimen-Kloster. Das Bauwerk ist ein unverwechselbares Produkt der Spätgotik, wenn auch mit einigen Renaissance-Elementen versehen. Das Monasterio de la Victoria (Sieges-Burg) erinnert nicht von ungefähr an ein Gefängnis, wurde es doch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Strafvollzugsanstalt genutzt – einmal mehr ein Beispiel für den in Spanien traditionell vorhandenen, extremen Pragmatismus.
In der Architektur dieses düsteren, wuchtigen Bauwerkes spiegelt sich noch heute die Philosophie seiner Erstbewohner, der Minimen wieder; die Minimen, eine "Fraktion“ des Franziskaner-Ordens, lebten in extremer Askese und durften weder Fleisch noch sonstige tierische Produkte zu sich nehmen. Ihre Diät bestand lediglich aus Brot, Wasser, Olivenöl, Obst und Gemüse. Darüber hinaus verbrachten sie weite Teile ihres religiösen Lebens unter Einhaltung eines strengen Schweigegelübdes. Gerade aufgrund dieser ultra-asketischen Lebensweise genossen die Minimen im Spanien des 16. Jahrhunderts großes Ansehen und tiefen Respekt seitens weiter Teile der Gesellschaft.
Im 19. Jahrhundert war hier ein Jesuiten-Seminar untergebracht und während des Spanischen Bürgerkrieges diente die Sieges-Burg als Lazarett.
Außer seinem musealen Charakter erfüllt das Monasterio de la Victoria zurzeit keinen bestimmten Zweck, wenn auch das Rathaus darüber nachdenkt, den Komplex in ein Kulturzentrum umzuwandeln.

Zusammen mit Jerez – der andalusischen Weinhauptstadt schlechthin – und Sanlúcar de Barrameda bildet el Puerto de Santamaría das "magische Weindreieck“ der Provinz Cádiz, das vor allem für seine Sherry-Weine berühmt ist. Der Anglizismus Sherry ist übrigens in Spanien überhaupt nicht gebräuchlich; vielmehr gilt hierzulande der Oberbegriff Vinos Finos oder auch nur kurz Fino(s). In El Puerto de Santamaría sind zahlreiche bekannte Weinhandelshäuser (Bodegas) angesiedelt, deren Einrichtungen besichtigt werden können. Der Besuch einer dieser meist im 19. Jahrhundert entstandenen Bodegas kann den Reisetag hervorragend abrunden; zwar sind die perfekt organisierten Visiten schon recht kommerzieller Natur, dennoch ist die Atmosphäre in diesen, aufgrund ihrer beeindruckenden Größe auch als "Kathedralen des Weins“ bezeichneten, Kellereien einmalig (s. auch Artikel zu Jerez de la Frontera).

Badeferien in El Puerto de Santamaría
Traditionell ist “El Puerto” auch ein beliebtes Sommerfrische-Ziel für die den gehobenen einheimischen Tourismus. Viele betuchte Familien aus dem nahe gelegenen Jerez oder der andalusischen Hauptstadt Sevilla besitzen in El Puerto de Santa María einen Zweitwohnsitz, der insbesondere in den Sommermonaten genutzt wird, wenn die Hitze im Landesinneren unerträgich wird.
Die Stadt verfügt über insgesamt 15 Kilometer pikobello gepflegter Strände, die sich obendrein durch ihre besonders sauberen Gewässer auszeichnen, wird doch hier kein Tropfen Abwasser ungefiltert ins Meer geleitet. Die Strände von El Puerto de Santa María verteilen sich über zwei Hauptzonen, die jeweils durch den Guadalete-Fluss begrenzt sind: im Osten des Gemeindegebietes der zur Ferien-Urbanisation Valdelagrana gehörende, über sechs Kilometer lange Strand gleichen Namens. Der flach aballende, feinsandige Valdelagrana-Strand verfügt über sämtliche heute üblichen Sicherheits- und Service-Einrichtungen. Einziger Wermutstropfen ist die dazugehörige Retorten-Siedlung Valdelagrana mit ihren hässlichen Hochhäusern, Narben eines urbanistischen Sündenfalls der 70-er Jahre. Wer Ruhe und Erholung sucht, sollte Valdelagrana zumindest im Zeitraum von Mitte Juni bis Mitte September unbedingt meiden; in den Herbst-Winter- und Frühjahrs-Monaten sind dafür sowohl Strand als auch Urbanisation wie ausgestorben.
Ein besonderer Leckerbissen sind hingegen die links und rechts dem Sporthafen Puerto Sherry gelegenen Strände, im Westen des Gemeindegebietes. Unser Geheim-Tipp ist hier der versteckt liegende La Muralla-Strand, den man lediglich über den Sporthafen erreicht – Einfahrt nur nach vorherigem Halt am Pförtnerhäuschen, zur "Gesichtskontrolle“. Diese überaus romantische kleine Felsbucht liegt am Ende einer zu Puerto Sherry gehörenden Urbanisation, die durch ihre pastellfarbenen Villen im viktorianischen Stil auffällt. Der Sand des Muralla-Strandes ist etwas dunkler und grobkörniger als normalerweise an der Costa de la Luz üblich, was der Bucht aber nichts von ihrer Attraktivität nimmt. Im Sommer ist hier ein stets gut gefülltes Chiringuito (Strandlokal/Strandbar) in Betrieb, das Ganze erinnert schon ein bisschen an die Karibik.