Gut
20 Kilometer nördlich von Cádiz
liegt das rund 74.000 Einwohner zählende
Hafenstädtchen El Puerto de Santa María,
das die meisten aus dem Norden kommenden Reisenden
sofort mit seinem ganz besonderen, einzigartigen
Charme verzaubert. Der Ort, von den Einheimischen
einfach nur kurz "El Puerto" genannt,
erfüllt viele andalusische Klischees,
ohne dabei kitschig zu wirken. Das geschichtsträchtige
El Puerto de Santa María spielte auch
im Rahmen der Entdeckung Amerikas eine fundamentale
Rolle, fand doch hier Cristóbal Colón
(Christoph Kolumbus) in dem Abenteurer und
Kartographen Juan de la Costa einen seiner
wichtigsten Unterstützer, der ihm schließlich
die Karavelle "Santa María"
für die 1492 stattfindende erste Entdeckungsreise
zur Verfügung stellte. Im Jahre 1500
zeichnete de la Costa, der Kolumbus auf seinen
beiden ersten Reisen begleitete, in El Puerto
die erste Seekarte der Geschichte, auf der
die bis seinerzeit bekannte Welt komplett
dargestellt war. Heute ist El Puerto de Santa
María insbesondere als nationales Sommerferien-Ziel
sowie bei Gourmets und Nachtschwärmern
beliebt. Ein absolutes Muss ist die vom Hafen
von Cádiz aus startende Reise nach
El Puerto mit mit dem historischen Küstendampfer
"Adriano Tercero", der im Volksmund
liebevoll El Vaporcito (das Dampfschiffchen)
genannt wird, kam doch bis Mitte der fünfziger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts wirklich
noch ein echtes Dampfschiff auf der Strecke
zum Einsatz.
"Achtung!,
Achtung!", brüllt der Kapitän
mit donnernder Stimme über die mit bleichen
Landratten prall gefüllten Holzbänke
auf dem Oberdeck des Vaporcito, "jetzt
bitte die Ohren zuhalten!". Sofort darauf
drängt ein in der Tat ohrenbetäubender,
fast schon brutaler Stoß aus dem Nebelhorn,
den man in dieser Lautstärke von dem
altehrwürdigen Küstenschiff nie
und nimmer erwartet hätte.
Ein ordentlicher Ruck – und schon geht
die Fahrt los, zunächst mit halber Kraft
voraus, durch das Hafenbecken von Cádiz,
Richtung Puerto Real, mit seinen beeindruckenden
Werftanlagen. Spätestens jetzt wird uns
Möchtegern-Seeleuten klar, dass es auf
der Fahrt von Cádiz-Stadt nach El Puerto
de Santa María ein gutes Stück
übers offene Meer geht: Der greise Diesel
des Vaporcito muss seine letzten Reserven
aktivieren, um gegen die Strömung anzukämpfen.
Dabei hebt und senkt sich
der schwerfällige Kahn bedrohlich auf
und ab, neigt sich immer wieder tief zur Seite,
mal nach rechts, mal nach links, wobei der
eine oder andere Passagier, der sich voreilig
zu weit nach außen gesetzt hat, mit
einem lauten "Platsch“ ordentlich
von der Atlantik-Gischt abgeduscht wird. Achterbahn-Feeling,
das doch nicht alle lustig finden; das hinter
uns sitzende französische Ehepaar mittleren
Alters bedient sich der Sprache Molières,
um unablässlich über die allzu tollkühnen
Gepflogenheiten der spanischen Seefahrt und
den Infantilismus der einheimischen Passagiere
zu meckern.
Die meisten Fahrgäste quietschen freilich
vor Vergnügen, das Ganze ist einfach
ein riesen Spaß, und insbesondere die
Kinder sind hin und weg.
Nach einer guten dreiviertel Stunde dann die
Einfahrt in den Fluss-Hafen von El Puerto
de Santa María, die Anlegestelle liegt
praktischerweise direkt gegenüber dem
historischen Zentrum, so dass der Reisende
sofort nach der Ankunft mit seiner Entdeckungstour
beginnen kann.
Wer
allerdings nach so viel Seeluft jetzt schon
Hunger bekommen hat, dem sei das ebenfalls
genau gegenüber dem Ankerplatz des Vaporcito
liegende Traditionslokal "El
Romerijo" empfohlen, um sich
für das anstehende Sightseeing zu stärken.
Man sollte sich nicht von der etwas kantinenmäßigen
Atmosphäre dieser riesigen Freiduría
(Fischbräterei) täuschen lassen,
die sich gleich über zwei Sraßenhälften
verteilt, schließlich konnte das Romerijo
nur mit stets gleichbleibender Qualität
zu seiner heutigen Berühmtheit gelangen.
Die Spezialität des Hauses sind fangfrische
Meeresfrüchte, die man sich an der Theke
selbst aussuchen kann und natürlich das
"Nationalgericht“ der Provinz Cádiz,
der Peh´caíto frito (verschiedene
frittierte Fischsorten). Angesichts des hier
ganzjährig voherrschenden, riesigen Andrangs
ist der Service erstaunlich flott und freundlich,
die Preise sind noch zivil, vorausgesetzt,
man bestellt keine Krustentiere.
Derart
gestärkt, kann man sich nun einfach etwas
durch die Altstadt treiben lassen, deren elegante
Architektur klar vom Geschmack des 17. und
18. Jahrhunderts geprägt ist. Ebenso
wie in Cádiz-Stadt, dominiert hier
der sogenannte Kolonialstil, mit seinen typischen
überstehenden Holzbalkons und zahlreichen
neoklassizistischen Elementen, wie man ihn
auch in vielen südamerikanischen Städten
und auf den Kanarischen Inseln wiederfinden
wird.
Wenn auch nicht so häufig wie in Cádiz,
so stößt man doch auch hier immer
wieder auf vereinzelte Casas Palacio (Patrizier-Paläste).
Dabei handelt es sich um die stark von der
italienischen Ästhetik geprägten
ehemaligen Privathäuser von im Kolonialhandel
reich gewordenen Kaufleuten (Cargadores a
Indias), die stets ähnlich strukturiert
sind:
Hinter den meist aufwendig mit italienischem
Marmor geschmückten, hohen Eingangsportalen,
über denen das jeweilige Familienwappen
prangt, gelangt man über einen kleinen
Verbindungsflur (Casa puerta) in die großzügigen
Innenhöfe (Patios) mit ihren sich auf
Marmorsäulen stützenden Galerien.
Dahinter die erste, oft flache Etage (Entresuelo),
in der seinerzeit die Büros und zum Teil
auch Lagerräume der jeweiligen Amerika-Handelshäuser
untergebracht waren.
Im zweiten Stockwerk lagen
die Privatwohnungen der Besitzer, fast immer
bis zu gut 300 Quadratmeter groß und
äußerst luxuriös mit italienischem
Marmor sowie tropischen Edelhölzern geschmückt,
wobei letztere meist als Stützbalken
(Vigas) in den mindestens vier Meter hohen
Decken zum Einsatz kamen.
In der dritten, wesentlich flacheren Etage
wohnte das in diesen Haushalten nichts
selten zahlreiche Gesinde, das von dort aus
einen direkten Zugang zu den
auf der Dachterasse (Azotea) liegenden Wirtschaftsräumen
hatte. Zuweilen sind die Dachterassen mit
sogenannten Miradores oder auch Torres Vigía
(Aussichtstürme, Wachtürme) versehen,
die nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern
auch zur Beobachtung der aus- und einlaufenden
Schiffe dienten.
Die großzügigen Innenhöfe
dieser Stadtpaläste – eine Reminiszenz
an die arabische Architektur – verfügen
oft über einen Zierbrunnen und dienten
seinerzeit unter anderem als Garage für
die Pferdekutschen der Besitzer.
Leider sind in El Puerto de Santa María
viele dieser Casas Palacio im vergangenen
Jahrhundert verrottet und wurden in der Folge
abgerissen – eine Gefahr, von der heute
auch die Altstadt des benachbarten Cádiz
betroffen ist, die fast ausschließlich
aus diesen ehemaligen Bürgerpalästen
des 17. bis 19. Jahrhunderts besteht (s. Artikel
zu Cádiz-Stadt).
Eines
der Wahrzeichen von El Puerto de Santamaría
ist die auf die arabische Besatzungszeit zurückzuführende
gotische Festungsanlage Castillo de
San Marcos (Schloss des Heiligen
Markus, Plaza de Alfonso X El Sabio, nº
3), die im 13. Jahrhundert von Alfons X, dem
"Weisen“ auf den Überresten
der ehemaligen Haupt-Moschee errichtet wurde.
Das Gebäude wurde vor einigen Jahren
von einem lokalen Spirituosen-Hersteller gekauft
und aufwendig renoviert. Das Ergebnis ist
freilich nur auf den ersten Blick überzeugend,
hat man doch, zumindest bei der Restaurierung
des Festungsinneren, im durch ein mutmaßlich
allzu üppiges Budget ausgelösten
Übereifer, einige architektonische und
kunsthistorische Patzer begangen, die bei
den geführten Besichtigungstouren immer
wieder zum gehässigen Feixen so manchen
sachverständigen Globetrotters führen.
Nichtsdestotrotz ist der Besuch des beeindruckenden
Bauwerks auf jeden Fall interessant und empfehlenswert.
Nur wenige Gehminuten weiter
liegt die berühmte Königliche
Stierkampfarena (Real Plaza de Toros)
von El Puerto de Santa María, die als
eine der schönsten ganz Spaniens gilt.
Die im Juni 1880 eingeweihte Arena hat ein
Fassungsvermögen für 12.000 Zuschauer.
Der eigentliche Kampfplatz, mit seinen 60
Metern Durchmesser und dem typischen ockerfarbenen
Sand, ist einer der größten der
Iberischen Halbinsel. Natürlich ist auch
in Spanien schon vor längerer Zeit eine
heftige Diskussion über die Frage von
Sinn oder Unsinn
des archaischen Spektakels entbrannt. Immer
mehr junge Leute haben mit der Fiesta Nacional,
dem "Nationalen Fest“, wie der
Stierkampf hierzulande auch genannt wird,
nichts mehr am Hut. Die Stadt Barcelona, die
seit den letzten Wahlen von einer Koalition
aus Sozialisten und Kommunistischen Ultra-Separatisten
regiert wird, hat sich gar jüngst zur
"Stierkampffreien Stadt“ erklärt.
All dies ändert nichts an der Tatsache,
dass der Stierkampf – und die ihn umgebende
Mystik – fester Bestandteil der spanischen
Kultur ist, der auch heute noch über
sehr viele Anhänger verfügt, unter
ihnen der spanische König, Juan Carlos
de Borbón y Borbón, dem die
Arena von El Puerto ihren Namenszusatz "Königliche“
zu verdanken hat. Gerade in der Provinz Cádiz
hat die Fiesta Nacional eine lange Tradition,
werden hier doch die edelsten und "gefährlichsten“
Kampfstiere gezüchtet. Der Stierkampfarena
von El Puerto de Santa María ist eine
gewisse Ästhetik nicht abzusprechen,
beeindruckend ist das monumentale Bauwerk
allemal.
Die Real Plaza de Toros hinter uns lassend,
wenden wir uns nun der ebenfalls nahe gelegenen
Kathedrale von El Puerto de Santamaría,
der Iglesia Mayor Prial, zu, über deren
Baubeginn erstmals in Dokumenten aus dem Jahr
1486 berichtet wird. Allerdings war die erste
Version der ursprünglich rein gotischen
Kathedrale bereits im ersten Drittel des 17.
Jahrhunderts so zerfallen, dass man sich im
Jahre 1647 dazu entschloss, einen Neubau zu
errichten, die noch erhaltenen Strukturen
des ursprünglichen Gebäudes nutzend.
So erklärt sich die Mischung gotischer
und spätgotischer Elemente mit dem im
17. Jahrhundert so beliebten Plateresk-Stil.
Letzterer ist durch das wunderschöne
Seitenportal repräsentiert, das erst
im Rahmen des oben erwähnten Wideraufbaus
geöffnet wurde. Als Baumaterial kam fast
ausschließlich in der Provinz Cádiz
abgebauter Sandstein zum Einsatz.
Bereits etwas außerhalb des Stadtzentrums
aber noch gut zu Fuß zu erreichen, liegt
das imposante Monasterio de la Victoria, ein
zwischen 1504 und 1517 erbautes ehemaliges
Minimen-Kloster. Das Bauwerk ist ein unverwechselbares
Produkt der Spätgotik, wenn auch mit
einigen Renaissance-Elementen versehen. Das
Monasterio de la Victoria (Sieges-Burg) erinnert
nicht von ungefähr an ein Gefängnis,
wurde es doch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts
als Strafvollzugsanstalt genutzt – einmal
mehr ein Beispiel für den in Spanien
traditionell vorhandenen, extremen Pragmatismus.
In der Architektur dieses düsteren,
wuchtigen Bauwerkes spiegelt sich noch heute
die Philosophie seiner Erstbewohner, der Minimen
wieder; die Minimen, eine "Fraktion“
des Franziskaner-Ordens, lebten in extremer
Askese und durften weder Fleisch noch sonstige
tierische Produkte zu sich nehmen. Ihre Diät
bestand lediglich aus Brot, Wasser, Olivenöl,
Obst und Gemüse. Darüber hinaus
verbrachten sie weite Teile ihres religiösen
Lebens unter Einhaltung eines strengen Schweigegelübdes.
Gerade aufgrund dieser ultra-asketischen Lebensweise
genossen die Minimen im Spanien des 16. Jahrhunderts
großes Ansehen und tiefen Respekt seitens
weiter Teile der Gesellschaft.
Im 19. Jahrhundert war hier ein Jesuiten-Seminar
untergebracht und während des Spanischen
Bürgerkrieges diente die Sieges-Burg
als Lazarett.
Außer seinem musealen Charakter erfüllt
das Monasterio de la Victoria zurzeit keinen
bestimmten Zweck, wenn auch das Rathaus darüber
nachdenkt, den Komplex in ein Kulturzentrum
umzuwandeln.
Zusammen
mit Jerez – der andalusischen Weinhauptstadt
schlechthin – und Sanlúcar de
Barrameda bildet el Puerto de Santamaría
das "magische Weindreieck“ der
Provinz Cádiz, das vor allem für
seine Sherry-Weine berühmt ist. Der Anglizismus
Sherry ist übrigens in Spanien überhaupt
nicht gebräuchlich; vielmehr gilt hierzulande
der Oberbegriff Vinos Finos oder auch nur
kurz Fino(s). In El Puerto de Santamaría
sind zahlreiche bekannte Weinhandelshäuser
(Bodegas) angesiedelt, deren Einrichtungen
besichtigt werden können. Der Besuch
einer dieser meist im 19. Jahrhundert entstandenen
Bodegas kann den Reisetag hervorragend abrunden;
zwar sind die perfekt organisierten Visiten
schon recht kommerzieller Natur, dennoch ist
die Atmosphäre in diesen, aufgrund ihrer
beeindruckenden Größe auch als
"Kathedralen des Weins“ bezeichneten,
Kellereien einmalig (s. auch Artikel zu Jerez
de la Frontera).
Badeferien
in El Puerto de Santamaría
Traditionell ist
“El Puerto” auch ein beliebtes
Sommerfrische-Ziel für die den gehobenen
einheimischen Tourismus. Viele betuchte Familien
aus dem nahe gelegenen Jerez oder der andalusischen
Hauptstadt Sevilla besitzen in El Puerto de
Santa María einen Zweitwohnsitz, der
insbesondere in den Sommermonaten genutzt
wird, wenn die Hitze im Landesinneren unerträgich
wird.
Die Stadt verfügt über insgesamt
15 Kilometer pikobello gepflegter Strände,
die sich obendrein durch ihre besonders sauberen
Gewässer auszeichnen, wird doch hier
kein Tropfen Abwasser ungefiltert ins Meer
geleitet. Die Strände von El Puerto de
Santa María verteilen sich über
zwei Hauptzonen, die jeweils durch den Guadalete-Fluss
begrenzt sind: im Osten des Gemeindegebietes
der zur Ferien-Urbanisation Valdelagrana gehörende,
über sechs Kilometer lange Strand gleichen
Namens. Der flach aballende, feinsandige Valdelagrana-Strand
verfügt über sämtliche heute
üblichen Sicherheits- und Service-Einrichtungen.
Einziger Wermutstropfen ist
die dazugehörige Retorten-Siedlung Valdelagrana
mit ihren hässlichen Hochhäusern,
Narben eines urbanistischen Sündenfalls
der 70-er Jahre. Wer Ruhe und Erholung sucht,
sollte Valdelagrana zumindest im Zeitraum
von Mitte Juni bis Mitte September unbedingt
meiden; in den Herbst-Winter- und Frühjahrs-Monaten
sind dafür sowohl Strand als auch Urbanisation
wie ausgestorben.
Ein besonderer Leckerbissen sind hingegen
die links und rechts dem Sporthafen Puerto
Sherry gelegenen Strände, im Westen des
Gemeindegebietes. Unser Geheim-Tipp ist hier
der versteckt liegende La Muralla-Strand,
den man lediglich über den Sporthafen
erreicht – Einfahrt nur nach vorherigem
Halt am Pförtnerhäuschen, zur "Gesichtskontrolle“.
Diese überaus romantische kleine Felsbucht
liegt am Ende einer zu Puerto Sherry gehörenden
Urbanisation, die durch ihre pastellfarbenen
Villen im viktorianischen Stil auffällt.
Der Sand des Muralla-Strandes ist etwas dunkler
und grobkörniger als normalerweise an
der Costa de la Luz üblich, was der Bucht
aber nichts von ihrer Attraktivität nimmt.
Im Sommer ist hier ein stets gut gefülltes
Chiringuito (Strandlokal/Strandbar) in Betrieb,
das Ganze erinnert schon ein bisschen an die
Karibik.
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