Das,
zumindest während der Idealreisezeit
- zwischen Oktober und Mai - verträumte
Fischerstädtchen Chipiona zählt
sicherlich noch zu den Geheimtipps des spanischen
Südens. Nahezu menschenleer präsentiert
sich der lichtdurchflutete und stets von einer
frischen Atlantikbrise sauber geputzte Küstenort
dem Besucher. Rund 50 Kilometer westlich von
Cádiz-Stadt gelegen, leben die gut
17.000 Einwohner insbesondere vom Fischfang,
der Schnittblumen-Zucht und dem Tourismus.
Letzterer wird vor allem von den insgesamt
reichlich 12 Kilometer langen, zart gelbfarbenen,
feinsandigen Stränden angezogen, die
den Küstenort umgeben. Wegen seiner hervorragenden
Windverhältnisse wird Chipiona auch in
Surferkreisen immer beliebter. Mit seiner
Nachbargemeinde Rota "teilt" sich
unser Reiseziel die etwa fünf Auto-Minuten
entfernt liegende nagelneue Luxus-Urbanisation
Costa Ballena, die sich immer mehr zur Referenz
für den gehobenen Golftourismus entwickelt.
Chipiona
das ist vor allem eines: Strand, Strand, Strand,
wohin das Auge reicht. Wählt man die
Monate Oktober bis Mai als Reise- oder Langzeiturlaubszeit,
hat man das Ganze auch noch fast für
sich alleine, paradiesische Zustände,
wie man sie an der Mittelmeerküste lange
suchen muss. Die für die Costa de la
Luz so typische, omnipräsente Atlantik-Brise
ist nicht jedermanns Sache, macht das Städtchen
aber unter anderem für Surfer und Windsurfer
attraktiv, die vielleicht eine Alternative
zu Tarifa suchen. Hinzu kommt das ganz besondere
Flair des Ortes, eine Mischung aus südländischer
Fischerdorf-Romantik und dem zuweilen rauen,
alles dominierenden Atlantikklima.
Der Reisende, der per PKW nach Chipiona kommt,
fährt am besten bis zum kleinen aber
feinen Sport-und Fischereihafen (Puerto Deportivo-Pesquero
- ausgeschildert), dort gibt es in der Regel
ausreichend Parkplätze. Natürlich
kann man auch direkt per Privatyacht anreisen;
das Hafenbecken ist in zwei Anlegebereiche
für unterschiedliche Wasserverdrängungsklassen
aufgeteilt, so dass auch größere
Boote hier anlegen können.
Vom
Hafen aus hat man bereits einen guten Blick
auf einen Teil der Uferpromenade mit ihren
zahlreichen Fisch-Restaurants sowie den Strand
Cruz del Mar (Meereskreuz-Strand) und auf
den Faro (Leuchtturm), das Wahrzeichen Chipionas.
Der Cruz del Mar-Strand wurde bereits zum
elften Male in Folge mit dem Sauberkeits-und
Service-Gütesiegel der EU, der Bandera
Azul (Blaue Flagge) ausgezeichnet - wie übrigens
alle Strände von Chipiona. Einziger Wermutstropfen:
Während der spanischen Sommerferien (durchgehend
15. Juni bis 15. September) wird es an der
Playa Cruz del Mar rappelvoll, liegt der kleine
Strand doch in unmittelbarer Nähe einiger
Hotels und Apartment-Anlagen.
Doch beginnen wir unsere Entdeckunstour zunächst
mit einem Schlenker durch die östliche
Altstadt, die wir beispielsweise über
die parallel zum Strand verlaufende Avenida
de Sanlúcar erreichen. Erstes Highlight
ist hier der fast schon Kitschromantik verströmende
Kirchplatz mit seiner Parroquia de Nuestra
Señora de la O ("Unsere Gute Frau
vom O-Kirche"). Einzigartig das Bild
der sich gegen den gleißend-blau strahlenden
Himmel abhebenden Türme der Kirche, ein
Musterbeispiel des andalusischen Barrock.
Davor ein regelrechter kleiner Palmenwald,
der das Postkarten-Motiv abrundet.
Von
hier aus ist es nur noch ein Katzensprung
in die Fußgängerzone von Chipiona,
die Larga ("Die Lange"). Wer sich
bereits jetzt für den weiteren Weg mit
einem typisch andalusischen Mittagessen stärken
will, dem sei hier unbedingt die Peña
de Barcelona ("Fanclub des Fußballvereins
Barcelona") empfohlen, ein eher einfaches
aber dennoch originelles und wirklich blitzsauberes
Lokal, in dem viele Einheimische zur Mittagszeit
einkehren. Als Vorspeise eine Salmorejo (dickflüssige
andalusische Gemüsekaltschale), danach
fangfrisches, in der Pfanne gebratenes Schwertfischfilet
(Pez Espada) in grüner Olivenöl-Knoblauchsauce
(Salsa Verde), das regelrecht auf der Zunge
zergeht oder, alternativ, eine ebenso frische
Dorada a la Espalda (geöffnete, "auf
dem Rücken" gebraten Goldbrasse).
Zum Abschluss die hausgemachten Natillas (Vanille-Pudding
mit Keks) und ein Kaffee, das Ganze für
12 Euro, Trinkgeld inklusive.
Der
Faro, das Wahrzeichen Chipionas
So hervorragend gestärkt, spazieren
wir zurück zur Uferpromenade, genießen
dort die herrliche Aussicht, die der Mirador
Cruz del Mar (Meereskreuz-Aussichtsplattform)
auf den Atlantik und das im Mudejar-Stil errichtete
Castillo (Kleine Festungsanlage) von Chipiona
bietet, dessen Ursprünge auf das 13.
Jahrhundert zurückgehen. Als umgebe ihn
eine geheimnisvolle Aura, strahlt dieser in
den Ozean hinein gebaute Platz eine einzigartige
Ruhe, einen einzigartigen Frieden aus.
Gleich hinter dem Castillo gelangt der Entdecker
auf einen kleinen, exotisch anmutenden Flecken,
mit einem nur wenige Meter breiten Puppenküchen-Strand.
Dort fällt uns ein bereits von der Feuchtigkeit
leicht lädiertes, weißes Gebäude
auf, das direkt mit dem Atlantik abschließt.
Näher kann man nun wirklich nicht am
Meer wohnen, und so werden hier auch Ferien-Apartments
an sonnenhungrige
Nordlichter vermietet.
Weiter geht es jetzt Richtung
Süden, über die traumhaft schöne,
hoch gelegene Uferpromenade, die von Chipionas
Leuchtturm, dem Faro, dominiert wird. Die
Erstausgabe des Faro wurde bereits 40 vor
Christus, unter der Ägide des für
das westliche Hispanien zuständigen römischen
Konsuls, Quinto Servilius Caepio, errichtet.
Aus dessen Familiennamen etymologisierte sich
die lateinische Ortsbezeichnung Caepionis,
aus der später Chipiona wurde. Das römische
Caepionis war ein wichtiger Knotenpunkt im
weltweiten Handel mit westandalusischen Produkten,
wie Wein, Oliven, Stockfisch oder Getreide.
Mit der erst viel späteren Besatzung
der Provinz Cádiz durch nordafrikanische
Muslime, ab dem Jahr 711, begann hingegen
eine lange Phase wirtschaftlicher Dekadenz,
von der sich Chipiona erst mit seiner Wiedereroberung
durch das christliche Nordspanien, ab der
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts,
langsam wieder erholen sollte.
Fischerei
wie vor 2000 Jahren
Wie bereits oben erwähnt, ist
einer der Pfeiler des Wirtschaftslebens von
Chipiona der Fischfang, der hierzulande mit
den Corrales de Pesca (Fischgehege) eine Besonderheit
aufweist. Dabei handelt es sich um in unmittelbarer
Strandnähe liegende, hablkreisförmige,
künstliche Steinstrukturen, die bei Flut
völlig vom Wasser überspült
werden. Wie in einem überdimensionalen
Sieb bleiben, bei eintretender Ebbe, in den
Corrales Fische und Krustentiere hängen,
für die es anschließend kein Entkommen
mehr gibt und die somit fangfrisch in den
Suppentöpfen und Pfannen der umliegenden
Restaurants landen.
Die Erfindung, bzw die Anlage der Corrales
wird den Römern zugeschrieben; weitere
dieser genialen Fischfanggehege finden sich
noch in Rota und Sanlúcar de Barrameda.
An dieser Stelle sei nur ein kleiner Auszug
aus dem "Sortiment" der Corrales
aufgeführt:
- Choco (kleine Tintenfischart), - Almeja
(Venusmuschel), - Cangrejo de Pelo (Haarkrebs)
sowie Robalo (Seebarsch), - Lubina (Wolfsbarsch),
- Baila (Meersau), - Dorada (Goldbrasse) oder
Sargo (Weissbrasse).
Fast eine Todsünde also, in Chipiona
nicht in ein Fischrestaurant oder in ein am
Strand gelegenes Chringuito (Strandbude mit
Restaurant und/oder Barbetrieb) einzukehren.
Hinter dem Leuchtturm führt
unsere Exkursion weiter über den Paseo
Costa de la Luz (Lichtküsten-Promenade)
direkt zu den ewig breiten, nicht enden wollenden
südlichen Stadt-Stränden Playa de
la Regla und Playa Camarón, die nahtlos
ineinander übergehen.
Die Playa de la Regla ist der beliebteste
Strand in der Region, entsprechend voll wird
es im Hochsommer; insgesamt acht Chiringuitos
(hier: Mischung zwischen Strandbude, Fischlokal
und Bar, meist bis tief in die Nacht hinein
geöffnet) buhlen hier um die Gunst der
Sommerfrischler. Hingegen geht es am Dünen-Strand
Playa Camarón eher etwas beschaulicher
zu.
Dazwischen liegt die wohl einzige "Strand-Kathedrale"
Europas, der Santuario de Nuestra Señora
de la Regla, in der die Schutzheilige Chipionas,
die Señora de la Regla ("Unsere
Gute Frau vom Rechten Weg") verehrt wird,
die auch dem oben beschriebenen Strand zu
seinem Namen verholfen hat. Im 14. Jh. ursprünglich
als Festungsanlage errichtet, diente das Bauwerk
noch bis ins 19. Jh. den Franziskanern als
Kloster, die sich hier auf ihre Missionsreisen
in die amerikanischen Kolonien vorbereiteten.
Beide Strände verfügen über
eine moderne Infrastruktur mit Rettungsdienst
und Megaphonie-Service fúr verloren
gegangene Familienmitglieder, Toiletten (auch
behindertengerecht) sowie einer speziellen
Vorrichtung für Rollstuhlfahrer ("Amphi-Buggy"),
der es diesen erlaubt, ein Bad im Atlantik
zu nehmen.
Insbesondere der hintere Strandabschnitt (Playa
de la Regla) ist mit seiner Dünenlandschaft
für Naturliebhaber interessant. Im Bereich
der salzwasserresistenten Dünenflora
leben, neben in Chipiona Zwischenstation machenden
Zugvögeln, zahlreiche Eidechsarten, harmlose
Ringelnattern und - als "prominentester"
Dünenbewohner- das Chamäleon.
Wem nach so viel Natur eher nach Weltlichem
zumute ist, der wird, gleich nebenan, im Bereich
des Paseo Costa de la Luz, auf seine Kosten
kommen. Vor allem in den Sommermonaten brodelt
hier das Leben, insbesondere des Nachts, wenn
die stets feier- und trinklustige spanische
Jeunesse die Uferpromenade und die umliegenden
Straßenzüge in Beschlag nimmt.
Freilich sind - aus unserer Sicht - sowieso
die Herbst- Winter- und Frühjahrsmonate,
also der Zeitraum zwischen Oktober und Mai,
die viel schönere Zeit, um Chipiona kennenzulernen.
Dieser Tipp gilt übrigens grundsätzlich
für Reisen an die Costa de la Luz.
Nur etwa funf Autominuten von Chipiona
entfernt liegt die Luxusurbanisation Costa
Ballena, die nicht nur an einem der schönsten
Strände Spaniens liegt, sondern unter
anderem auch einen 36-Hole-Golfplatz mit Meerblick
umfasst.
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