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Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Das, zumindest während der Idealreisezeit - zwischen Oktober und Mai - verträumte Fischerstädtchen Chipiona zählt sicherlich noch zu den Geheimtipps des spanischen Südens. Nahezu menschenleer präsentiert sich der lichtdurchflutete und stets von einer frischen Atlantikbrise sauber geputzte Küstenort dem Besucher. Rund 50 Kilometer westlich von Cádiz-Stadt gelegen, leben die gut 17.000 Einwohner insbesondere vom Fischfang, der Schnittblumen-Zucht und dem Tourismus. Letzterer wird vor allem von den insgesamt reichlich 12 Kilometer langen, zart gelbfarbenen, feinsandigen Stränden angezogen, die den Küstenort umgeben. Wegen seiner hervorragenden Windverhältnisse wird Chipiona auch in Surferkreisen immer beliebter. Mit seiner Nachbargemeinde Rota "teilt" sich unser Reiseziel die etwa fünf Auto-Minuten entfernt liegende nagelneue Luxus-Urbanisation Costa Ballena, die sich immer mehr zur Referenz für den gehobenen Golftourismus entwickelt.

Chipiona das ist vor allem eines: Strand, Strand, Strand, wohin das Auge reicht. Wählt man die Monate Oktober bis Mai als Reise- oder Langzeiturlaubszeit, hat man das Ganze auch noch fast für sich alleine, paradiesische Zustände, wie man sie an der Mittelmeerküste lange suchen muss. Die für die Costa de la Luz so typische, omnipräsente Atlantik-Brise ist nicht jedermanns Sache, macht das Städtchen aber unter anderem für Surfer und Windsurfer attraktiv, die vielleicht eine Alternative zu Tarifa suchen. Hinzu kommt das ganz besondere Flair des Ortes, eine Mischung aus südländischer Fischerdorf-Romantik und dem zuweilen rauen, alles dominierenden Atlantikklima.
Der Reisende, der per PKW nach Chipiona kommt, fährt am besten bis zum kleinen aber feinen Sport-und Fischereihafen (Puerto Deportivo-Pesquero - ausgeschildert), dort gibt es in der Regel ausreichend Parkplätze. Natürlich kann man auch direkt per Privatyacht anreisen; das Hafenbecken ist in zwei Anlegebereiche für unterschiedliche Wasserverdrängungsklassen aufgeteilt, so dass auch größere Boote hier anlegen können.
Vom Hafen aus hat man bereits einen guten Blick auf einen Teil der Uferpromenade mit ihren zahlreichen Fisch-Restaurants sowie den Strand Cruz del Mar (Meereskreuz-Strand) und auf den Faro (Leuchtturm), das Wahrzeichen Chipionas. Der Cruz del Mar-Strand wurde bereits zum elften Male in Folge mit dem Sauberkeits-und Service-Gütesiegel der EU, der Bandera Azul (Blaue Flagge) ausgezeichnet - wie übrigens alle Strände von Chipiona. Einziger Wermutstropfen: Während der spanischen Sommerferien (durchgehend 15. Juni bis 15. September) wird es an der Playa Cruz del Mar rappelvoll, liegt der kleine Strand doch in unmittelbarer Nähe einiger Hotels und Apartment-Anlagen.
Doch beginnen wir unsere Entdeckunstour zunächst mit einem Schlenker durch die östliche Altstadt, die wir beispielsweise über die parallel zum Strand verlaufende Avenida de Sanlúcar erreichen. Erstes Highlight ist hier der fast schon Kitschromantik verströmende Kirchplatz mit seiner Parroquia de Nuestra Señora de la O ("Unsere Gute Frau vom O-Kirche"). Einzigartig das Bild der sich gegen den gleißend-blau strahlenden Himmel abhebenden Türme der Kirche, ein Musterbeispiel des andalusischen Barrock. Davor ein regelrechter kleiner Palmenwald, der das Postkarten-Motiv abrundet.
Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung in die Fußgängerzone von Chipiona, die Larga ("Die Lange"). Wer sich bereits jetzt für den weiteren Weg mit einem typisch andalusischen Mittagessen stärken will, dem sei hier unbedingt die Peña de Barcelona ("Fanclub des Fußballvereins Barcelona") empfohlen, ein eher einfaches aber dennoch originelles und wirklich blitzsauberes Lokal, in dem viele Einheimische zur Mittagszeit einkehren. Als Vorspeise eine Salmorejo (dickflüssige andalusische Gemüsekaltschale), danach fangfrisches, in der Pfanne gebratenes Schwertfischfilet (Pez Espada) in grüner Olivenöl-Knoblauchsauce (Salsa Verde), das regelrecht auf der Zunge zergeht oder, alternativ, eine ebenso frische Dorada a la Espalda (geöffnete, "auf dem Rücken" gebraten Goldbrasse). Zum Abschluss die hausgemachten Natillas (Vanille-Pudding mit Keks) und ein Kaffee, das Ganze für 12 Euro, Trinkgeld inklusive.

Der Faro, das Wahrzeichen Chipionas
So hervorragend gestärkt, spazieren wir zurück zur Uferpromenade, genießen dort die herrliche Aussicht, die der Mirador Cruz del Mar (Meereskreuz-Aussichtsplattform) auf den Atlantik und das im Mudejar-Stil errichtete Castillo (Kleine Festungsanlage) von Chipiona bietet, dessen Ursprünge auf das 13. Jahrhundert zurückgehen. Als umgebe ihn eine geheimnisvolle Aura, strahlt dieser in den Ozean hinein gebaute Platz eine einzigartige Ruhe, einen einzigartigen Frieden aus.
Gleich hinter dem Castillo gelangt der Entdecker auf einen kleinen, exotisch anmutenden Flecken, mit einem nur wenige Meter breiten Puppenküchen-Strand. Dort fällt uns ein bereits von der Feuchtigkeit leicht lädiertes, weißes Gebäude auf, das direkt mit dem Atlantik abschließt. Näher kann man nun wirklich nicht am Meer wohnen, und so werden hier auch Ferien-Apartments an sonnenhungrige Nordlichter vermietet.
Weiter geht es jetzt Richtung Süden, über die traumhaft schöne, hoch gelegene Uferpromenade, die von Chipionas Leuchtturm, dem Faro, dominiert wird. Die Erstausgabe des Faro wurde bereits 40 vor Christus, unter der Ägide des für das westliche Hispanien zuständigen römischen Konsuls, Quinto Servilius Caepio, errichtet. Aus dessen Familiennamen etymologisierte sich die lateinische Ortsbezeichnung Caepionis, aus der später Chipiona wurde. Das römische Caepionis war ein wichtiger Knotenpunkt im weltweiten Handel mit westandalusischen Produkten, wie Wein, Oliven, Stockfisch oder Getreide. Mit der erst viel späteren Besatzung der Provinz Cádiz durch nordafrikanische Muslime, ab dem Jahr 711, begann hingegen eine lange Phase wirtschaftlicher Dekadenz, von der sich Chipiona erst mit seiner Wiedereroberung durch das christliche Nordspanien, ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, langsam wieder erholen sollte.

Fischerei wie vor 2000 Jahren
Wie bereits oben erwähnt, ist einer der Pfeiler des Wirtschaftslebens von Chipiona der Fischfang, der hierzulande mit den Corrales de Pesca (Fischgehege) eine Besonderheit aufweist. Dabei handelt es sich um in unmittelbarer Strandnähe liegende, hablkreisförmige, künstliche Steinstrukturen, die bei Flut völlig vom Wasser überspült werden. Wie in einem überdimensionalen Sieb bleiben, bei eintretender Ebbe, in den Corrales Fische und Krustentiere hängen, für die es anschließend kein Entkommen mehr gibt und die somit fangfrisch in den Suppentöpfen und Pfannen der umliegenden Restaurants landen.
Die Erfindung, bzw die Anlage der Corrales wird den Römern zugeschrieben; weitere dieser genialen Fischfanggehege finden sich noch in Rota und Sanlúcar de Barrameda. An dieser Stelle sei nur ein kleiner Auszug aus dem "Sortiment" der Corrales aufgeführt:
- Choco (kleine Tintenfischart), - Almeja (Venusmuschel), - Cangrejo de Pelo (Haarkrebs) sowie Robalo (Seebarsch), - Lubina (Wolfsbarsch), - Baila (Meersau), - Dorada (Goldbrasse) oder Sargo (Weissbrasse).
Fast eine Todsünde also, in Chipiona nicht in ein Fischrestaurant oder in ein am Strand gelegenes Chringuito (Strandbude mit Restaurant und/oder Barbetrieb) einzukehren.
Hinter dem Leuchtturm führt unsere Exkursion weiter über den Paseo Costa de la Luz (Lichtküsten-Promenade) direkt zu den ewig breiten, nicht enden wollenden südlichen Stadt-Stränden Playa de la Regla und Playa Camarón, die nahtlos ineinander übergehen.
Die Playa de la Regla ist der beliebteste Strand in der Region, entsprechend voll wird es im Hochsommer; insgesamt acht Chiringuitos (hier: Mischung zwischen Strandbude, Fischlokal und Bar, meist bis tief in die Nacht hinein geöffnet) buhlen hier um die Gunst der Sommerfrischler. Hingegen geht es am Dünen-Strand Playa Camarón eher etwas beschaulicher zu.
Dazwischen liegt die wohl einzige "Strand-Kathedrale" Europas, der Santuario de Nuestra Señora de la Regla, in der die Schutzheilige Chipionas, die Señora de la Regla ("Unsere Gute Frau vom Rechten Weg") verehrt wird, die auch dem oben beschriebenen Strand zu seinem Namen verholfen hat. Im 14. Jh. ursprünglich als Festungsanlage errichtet, diente das Bauwerk noch bis ins 19. Jh. den Franziskanern als Kloster, die sich hier auf ihre Missionsreisen in die amerikanischen Kolonien vorbereiteten.
Beide Strände verfügen über eine moderne Infrastruktur mit Rettungsdienst und Megaphonie-Service fúr verloren gegangene Familienmitglieder, Toiletten (auch behindertengerecht) sowie einer speziellen Vorrichtung für Rollstuhlfahrer ("Amphi-Buggy"), der es diesen erlaubt, ein Bad im Atlantik zu nehmen.
Insbesondere der hintere Strandabschnitt (Playa de la Regla) ist mit seiner Dünenlandschaft für Naturliebhaber interessant. Im Bereich der salzwasserresistenten Dünenflora leben, neben in Chipiona Zwischenstation machenden Zugvögeln, zahlreiche Eidechsarten, harmlose Ringelnattern und - als "prominentester" Dünenbewohner- das Chamäleon.
Wem nach so viel Natur eher nach Weltlichem zumute ist, der wird, gleich nebenan, im Bereich des Paseo Costa de la Luz, auf seine Kosten kommen. Vor allem in den Sommermonaten brodelt hier das Leben, insbesondere des Nachts, wenn die stets feier- und trinklustige spanische Jeunesse die Uferpromenade und die umliegenden Straßenzüge in Beschlag nimmt.
Freilich sind - aus unserer Sicht - sowieso die Herbst- Winter- und Frühjahrsmonate, also der Zeitraum zwischen Oktober und Mai, die viel schönere Zeit, um Chipiona kennenzulernen. Dieser Tipp gilt übrigens grundsätzlich für Reisen an die Costa de la Luz.


Nur etwa funf Autominuten von Chipiona entfernt liegt die Luxusurbanisation Costa Ballena, die nicht nur an einem der schönsten Strände Spaniens liegt, sondern unter anderem auch einen 36-Hole-Golfplatz mit Meerblick umfasst.