Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Noch bis weit in die neunziger Jahre hinein galt der Küstenort Chiclana – und mit ihm die gesamte Costa de la Luz – als eine Art armer Verwandter der benachbarten Costa del Sol. Zu viel Wind, zu abgelegen, zu viele militärische Sperrzonen, schlechte Verkehrsanbindung, dies waren die Hauptargumente der großen Reiseveranstalter, um die Provinz Cádiz und mit ihr die "Küste des Lichts" links liegen zu lassen. Doch insbesondere in den vergangenen sechs Jahren hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. Chiclana gilt heute als einer der angesagtesten Ferienorte der Iberischen Halbinsel, eingebettet in eine paradiesische, unverbaute Atlantik-Landschaft aus schier endlosen Dünenstränden und dichten Pinienwäldern, dazwischen einer der besten 36-Loch-Golfplätze Europas, Meerblick inklusive. Der große, von kurzsichtiger Spekulationswut getriebene Tourismus-Boom, der insbesondere in den späten 60-er und frühen 70-er Jahren an der benachbarten Costa del Sol ausgebrochen war, hier hat er nie stattgefunden. Doch für Chiclana und die gesamte Lichtküste war diese Entwicklung ein Segen, wurden doch so hierzulande nie jene abschreckenden urbanistischen Sünden begangen, die heute dazu führen, dass nicht nur die spanische Hautevolee sich zunehmend von Marbella & Co. abwendet, um sich Richtung Provinz Cádiz zu orientieren, wo es einfach dezenter und eleganter zugeht. Schon macht das geflügelte Wort von der "Karibik Europas“ die Runde, wenn von der Costa de la Luz und ihrer heimlichen touristischen Hauptstadt Chiclana die Rede ist.

Beginnen wir unsere Entdeckungstour durch Chiclana mit einer faszinierenen Zeitreise, die uns, in nur einem Vormittag, vom frühen 20. mitten ins 21. Jahrhundert führen wird.
Das ganz im äußeren Westen des Gemeindegebietes von Chiclana auf einer kleinen Halbinsel gelegene ehemalige Fischerdorf Sancti Petri (Poblado de Sancti Petri) ist heute nur noch eine Geisterstadt, deren einziger verbliebener Bewohner der hier stetig sein Unwesen treibende Atlantikwind ist.
Die langsam aber sicher verfallenden Gebäude, die sich um die ungewöhnlich breite Hauptstraße gruppieren, berichten von einer längst vergangenen Zeit, in der in Chiclana mit der fischverarbeitenden Industrie noch viel Geld verdient wurde.
So dominiert denn auch das riesige eiserne Skelett der alten Konservenfabrik die ganze Ansiedlung, die sich in den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom Fischerdorf zur reinen Arbeiter-Schlafstätte wandelte.
Schließlich hatte zu jener Zeit auch Chiclana noch seine Almadraba, sprich das Privileg, Thunfisch fangen und zu Konserven verarbeiten zu dürfen; letzteres geschah in der Fabrik von Sancti Petri, die während ihrer Blütezeit bis zu 400 Arbeiter aus ganz Andalusien beschäftigte. In den späten 70-er Jahren machte die Konservenfabrik pleite und somit wurde die Agonie des alten Sancti Petri eingeleitet, das seither ständiger Zankapfel verschiedener Interessegruppen ist.
Noch immer ist nicht klar, was mit dem sich heute im Staatsbesitz befindlichen Gelände geschehen soll, das geradezu nach einer touristischen Nutzung schreit, zumal direkt nebenan der kleine Sporthafen von Chiclana liegt, dem sich mit dem Strand von Sancti Petri (Playa de Sancti Petri) ein ideales Windsurfing-Revier anschließt.

Zeitsprung in die Moderne
Unterdessen ist, nur wenige Kilometer weiter östlich, längst ein neues Sancti Petri, die Urlaubs-Stadt Novo Sancti Petri, entstanden. Auf einem 5.000.000 Quadratmeter großen, zwischen naturbelassenen Dünenstränden und Pinienwäldern gelegenen Areal bietet "Neu-Sancti Petri“ – von den Einheimischen einfach nur kurz El Novo genannt – alles, was das Herz des Reisenden im 21. Jahrhundert begehrt:

-   Insgesamt 13 in unmittelbarer Strandnähe gelegene vier- bzw. fünf-Sterne-    Hotels
-   Drei Golfplätze, darunter der von Severiano Ballesteros gestaltete, zum     privaten Golfclub Novo Sancti Petri gehörende 36-Loch-Platz, der als einer     der besten Europas gilt
-   Sonstige Sporteinrichtungen (u.a. Reiten, Tennis, Windsurfing, Fußball,     Rennrad fahren, Mountainbiking, Motorrad fahren, Flugschule)
-   Ein modernes aber unaufdringliches Einkaufs- und Dienstleistungszentrum
-  Private Apartment-Anlagen mit allem Komfort, in unmittelbarer Nähe der     Golfplätze, ergänzt durch     exklusive Villen-Viertel für Individualisten
-   Wellnes-Zentren, - Privatkliniken, - eine private Seniorenresidenz...ein     Komplettpaket, das kaum Wünsche offen lässt.

In den Himmel aufragende Bettenburgen, Billig-Hotels mit "jugendlicher Atmosphäre“, Busladungen voller Adiletten-Träger, die sich gierig über riesige Sangria-Tröge beugen – alles Fehlanzeige im Neuen Sancti Petri. Ballermann, Benidorm und Torremolinos sind weit weg, und niemand in Chiclana will diese längst als gescheitert geltenden Modelle aus der Steinzeit des Tourismus kopieren.
Zwar ist Novo Sancti Petri ein urbanistisches Kunstwesen, das erst im Verlaufe der 90-er Jahre aus dem Boden gestampft wurde, jedoch wirkt das Ganze nicht wie ein Fremdkörper, haben doch die Gründerväter dieses Geburtsortes der Marke "Costa de la Luz“ aus jenen gravierenden Fehlern gelernt, die in anderen spanischen Tourismus-Hochburgen, insbesondere an der benachbarten Costa del Sol, begangen wurden.
Als Folge verabschiedete 1989 das Rathaus von Chiclana, zu dessen Gemeindegebiet "El Novo“ gehört, einen Bebauungsplan für das Areal, der die Investoren bis heute an strenge Auflagen bindet; so kann höchstens ein Drittel der Gesamtfläche von Neu-Sancti-Petri bebaut werden, dabei darf keines der hier neu entstehenden Gebäude eine Gesamthöhe von vier Etagen überschreiten. Auch die Anlage einer betonierten Uferpromenade wurde definitiv ausgeschlossen, zu sehr hätte der Novo Sancti Petri zugehörige, acht Kilometer lange Natur-Strand "La Barrosa“ mit seiner einzigartigen Dünenlandschaft unter dem Bau eines solchen Paseo Marítimo gelitten.
Als Folge verabschiedete 1989 das Rathaus von Chiclana, zu dessen Gemeindegebiet "El Novo“ gehört, einen Bebauungsplan für das Areal, der die Investoren bis heute an strenge Auflagen bindet; so kann höchstens ein Drittel der Gesamtfläche von Neu-Sancti-Petri bebaut werden, dabei darf keines der hier neu entstehenden Gebäude eine Gesamthöhe von vier Etagen überschreiten. Auch die Anlage einer betonierten Uferpromenade wurde definitiv ausgeschlossen, zu sehr hätte der Novo Sancti Petri zugehörige, acht Kilometer lange Natur-Strand "La Barrosa“ mit seiner einzigartigen Dünenlandschaft unter dem Bau eines solchen Paseo Marítimo gelitten.
Im April 1991 eröffnete mit dem "Royal Andalus" (****) das erste Hotel des neuen Sancti Petri, zwölf weitere sollten ihm bis heute folgen, darunter auch das exklusive Klubhotel „Aldiana Andalusien“. Von seinerzeit 14 genehmigten Hotelbauten fehlt nur noch einer, und so wird binnen der ersten Dekade des 21. Jahrhunders der Traum jener Visionäre aus Lokalpolitik und Privatwirtschaft vollendet, die seinerzeit von Teilen der einheimischen Bevölkerung als "Spinner“ und "Feinde des Volkes“ angegiftet wurden.
Wie fast alle Retortensiedlungen, so hat auch Novo Sancti Petri zumindest mit einem Problem zu kämpfen: mangels einer gewachsenen Infrastruktur ist hier abends und am Wochenende außerhalb der Hotels nicht viel geboten, so dass es, insbesondere für junge Leute oder kinderlose Singles, schnell langweilig werden kann.
Wer das junge, ausgesprochen exzessive spanische Nachtleben sucht, der wird freilich in den in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Urbanisationen fündig, die zwischen der Carretera de la Barrosa und dem Paseo Marítimo (Uferpromenade) liegen. Hier ist die Hölle los, Sünder kommen somit garantiert auf ihre Kosten, vorausgesetzt, sie passen sich den spanischen Ausgehzeiten an, d.h., von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden. Zumindest während der Sommermonate ist des Nachts auch in den Bars des Centro Comercial Bellamar (Einkaufszentrum Bellamar) einiges geboten.
Wer zum ersten Mal in Spanien ist, dem wird im Umfeld der "Ausgehmeilen“ ein Massen-Phänomen auffallen, wie es in dieser Form nur hierzulande existiert: Insbesondere freitags und samstags abends treffen sich dann zuweilen Tausende trinkfreudige Halbstarke beiderlei Geschlechts auf zentral gelegenen Straßen und Plätzen, um dort mitunter stundenlange, lautstarke Trinkgelage abzuhalten, bei denen vor allem harte Mischgetränke in Strömen fließen. So dann schon preisgünstig angetrunken, geht es anschließend in die umliegenden Bars und Diskotheken.
Dieser in ganz Spanien weit verbreitete Usus wird – eigentlich fälschlicherweise – als Movida Juvenil ("Junge Movida") bezeichnet. Der Begriff Movida wurde im Madrid der späten 70-er Jahre, kurz nach dem Fall des autoritären Franco-Regimes geboren und bezeichnete eine am britischen Punk orientierte Protestbewegung von Künstlern um den heutigen spanischen Star-Regisseur Pedor Almodóvar, deren Anhänger unter anderem einem extrem ausschweifenden Nachtleben huldigten.

Chiclana – Eingangspforte der Lichtküste
Wohl kaum eine andalusische Stadt hat in den vergangenen Jahren einen solch radikalen Wandel vollzogen wie Chiclana. Allein im Zeitraum seit 1995 ist die Bevölkerung um gut 35%, auf heute rund 70.000 Einwohner angewachsen.
Fast die Hälfte der Erwerbstätigen ist direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig, der Rest arbeitet in der stark prosperierenden Bauindustrie oder im Einzelhandel. Chiclana ist das Einkaufszentrum für die ganze Region, nirgendwo sonst gibt es eine höhere Konzentration an Super- und Baumärkten, Möbelgeschäften oder Autohändlern.
Längst haben sich auch Lidl und Plus hier niedergelassen, suchen händeringend nach jungen Führungskräften für die Eröffnung weiterer Filialen.
Chiclana ist Boom-Town und dies liegt nicht nur an der stetig wachsenden Zahl ausländischer Urlauber und Residenten. Seit der Küstenort per Schnellstraße und Autobahn mit der rund 20 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Cádiz verbunden ist, wählen immer mehr junge Gaditanos (hier: Einwohner der Stadt Cádiz) das wesentlich billigere Chiclana als Wohnort, nicht ganz freiwillig, sind doch die Immobilienpreise in ihrer Heimatstadt ins Astronomische gestiegen.
Dass der Wachstumsmotor in Chiclana tüchtig brummt, wird dem Reisenden spätestens bei einem Bummel durch die Fußgängerzone bewußt, die zu jeder Tageszeit vor Menschen überquillt.

Ein Rundgang durch die Stadt
Erste Anlaufstelle für Touristen oder Neu-Residenten ist die ganz am Ende der Fußgängerzone, bereits nahe am Fluss gelegene Oficina de Turismo (Städtisches Fremdenverkehrsbüro, Alameda del Rio s/n = Fluss-Straße, ohne Hausnummer). Dort geht es fast so hektisch zu wie auf dem Frankfurter Parkett, die beiden französischen Touristik-Studentinnen, die hier ihr Praktikum absolvieren, kommen bereits morgens um zehn tüchtig ins schwitzen. Dennoch ist der Empfang überaus freundlich, der Globetrotter wird mit vielen Tipps und ausführlichem Infomaterial versorgt. In den Sommermontaten ist übrigens in Novo Sancti Petri eine Außenstelle des Fremdenverkehrsbüros in Betrieb (Verkehrsinsel am Eingang der Urbanisation).
Unser Rundgang kann nun beispielsweise im nahe gelegenen Städtischen Stierkampf-Museum (Museo Taurino Municipal, C/San Agustín, 3 = San Agustín-Straße, Nr.3) von Chiclana beginnen. In dem kleinen, direkt neben einem Foto-Geschäft liegenden Museum dreht sich alles um den Torero Francisco Montes Paquiro, einem der berümtesten Söhne Chiclanas, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Stierkampf eine Art Wissenschaft machte und in diesem Zusammenhang auch eine Reihe neuer Techniken erfand, die heute ihren festen Platz im Regelwerk der Corridas (Stierkämpfe) gefunden haben. Unter anderem ist hier das Original-Arbeitszimmer des Meisters aufgebaut. Das auf eine Privatinitiative zurückgehende Museum ist mit viel Liebe zum Detail gemacht und kann auch für Nicht-Siterkampfexperten interessant sein.
Wer mit der Geschichte des professionellen Erlegens unschuldiger Kampstiere eher nichts am Hut hat, dem sei ein Besuch in Chiclanas Puppenmuseum (Museo de Muñecas Marín, C/Arroyelo 16 = Arroyelo-Strasse Nr. 16, geöffnet Mo – Sa, 9.00 bis 13.00 Uhr) geraten. Das Puppenmuseum Marín gehört zum gleichnamigen Traditionsunternehmen, das am Produktiosstandort Chiclana das wohl weltweit bekannteste spanische Souvenir herstellt: die Flamenco-Puppe (Gitanilla). Das von vielen Daheimgebliebenen gefürchtete Mitbringsel wird hier noch in detailverliebter Handarbeit produziert: vom Design der verschiedenen Puppenmodelle, über das Bemalen der Gesichter, bis hin zum Nähen der winzigen Modellkleidchen, der gesamte Herstellungsprozess vollzieht sich in Chiclana, garantiert ohne das Zutun chinesischer Gulag-Insassen. Die Tradition des 1984 verstorbenen Firmengründers José Marín Verdugo, der in den 30-er Jahren aus dem Nichts, nur mit einem Bauchladen in Madrid angefangen hatte, wird heute von dessen Tochter, Ana Marín, fortgeführt, die die Besucher des Museums persönlich empfängt. Noch bis weit in die 60-er Jahre hinein war die Marín-Puppenfabrik der wichtigste industrielle Arbeitgeber in Chiclana.
Die Einheimischen behaupten, dass die Ursprünge der gaditanischen Weinproduktion nicht in Jerez, sonderen in Chiclana liegen, seien doch hier und nicht in der ungeliebten Nachbarstadt die traditionellen Produktionsmethoden für die Herstellung der im Ausland als Sherry bezeichneten Fino-Weine ersonnen worden. Wie dem auch sei, der Besuch einer der zahlreichen lokalen Bodegas (Weinkellereien) gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Chiclana-Besuches. Aus unserer subjektiven Sicht empfehlen wir hierfür beispielsweise die malerischen Bodegas Miguel Guerra (C./Mendaro, 16 = Mendaro-Strasse, Nr. 16), die noch ganz im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten sind. Spezialität des Hauses ist der Fino Palillo, ein sehr trockener aber dennoch leicht fruchtiger, bernsteinfarbener Sherry-Wein, den man hier nicht nur kosten, sondern natürlich auch kaufen kann.
Wem der Fino Palillo jetzt schon den Magen geöffnet hat, der ist in der gleich gegenüber liegenden Tapa-BarCasa Adolfo bestens aufgehoben.
In der Küche dieses bereits 1961 gegründeten Traditionslokals, in dem hauptsächlich einheimische Geschäftsleute verkehren, entsteht beste andalusische Hausmannskost, wie man sie heute leider nur noch selten findet. Ein absoluter Traum sind die Papas Alineás con melva (Andalusischer Kartoffelsalat mit Makrelenfilet) oder das einmalige Lomo en Manteca (Schweinelendchen im Schmalzmantel), das so zart ist, dass es auf der Zunge zergeht. Dazu ein gut gekühlter Fino (Sherry) oder eine frisch gezpapfte Caña (kleines, eiskalt serviertes Bier) und man ist wieder genügend gestärkt, um die Tour durch Chiclana mit dem Besuch einiger historischer Gebäude abzurunden.
Der Zeitraum zwischen dem 16. und den ersten zwei Dritteln des 17. Jahrhunderts war nicht nur für das spanische Weltreich, sondern auch für Chiclana das Goldene Zeitalter (Siglo de Oro) schlechthin, eine Epoche, die eine ganze Kunst- und Literaturgattung hervorgebracht hat. Im benachbarten Cádiz ließen sich viele im Kolonialhandel tätige genuesische Kaufleute nieder, deren architektonischer Geschmack die ganze Region stark beeinflusst hat. Ein besonders schönes Beispiel hierfür ist etwa die ab 1667 entstandene Barock-Kirche Iglesia y Convento de Jesús Nazareno (Klosterkirche des Jesus von Nazaret, C/Larga = Lange Straße). Das Eingangsportal des Kirche, mit seinen gewundenen Säulen aus blass rosafarbenem Carrara-Marmor, gilt als das schönste seiner Art in der ganzen Provinz Cádiz. Im Innern lohnt ein Blick auf den ebenfalls ganz in der Tradition des andalusischen Barock gefertigten Altaraufsatz. Das 1674 fertig gestellte Bauwerk wurde von einer Gruppe aus Cádiz-Stadt stammender, im Amerika-Handel reich gewordener Kaufleute gespendet, eine seinerzeit durchaus übliche Praxis, die – neben dem damit einhergehenden Prestigegewinn – hauptsächlich dazu diente, sich mit dem Segen der Kirche von seinen diversen Sünden reinzuwaschen.
An der Plaza Mayor (Hauptplatz), mitten im Zentrum von Chiclana, liegt die imposante Iglesia Parroquial San Juan Bautista (Johannes der Täufer-Pfarrkirche), die eher an die Münchner Oper als an eine Kirche erinnert. Das neoklassizistische Bauwerk mit seinen drei Kirchenschiffen enstand zwischen den Jahren 1773 und 1820 und fällt insbesondere wegen seines nicht vorhandenen Kirchturmes auf. Im Innern finden sich zwei besonders schöne Gemälde aus der Schule des berühmten spanischen Barock-Malers Fancisco de Zurbarán (1558-1664).
Gleich neben der oben beschriebenen turmlosen Johannes der Täufer-Pfarrkirche steht mit der Torre de Reloj (Uhr-Turm) ein Überbleibsel des alten Rathauses von Chiclana. Der Turm, im Volksmund Arquillo de Reloj (etwa: "Uhr-Bögelchen“), übernimmt heutzutage die Funktion des Geläuts für die benachbarte Iglesia Parroquial San Juan Bautista.
Einen sehr schönen Blick über die ganze Stadt und weite Teile des Umlandes hat man von der Ermita de Santa Ana (Kapelle der Heiligen Ana) aus, die an der gleichnamigen Straße (Santa Ana) ganz im oberen Teil Chiclanas liegt. Die ebefalls eindeutig vom Klassizismus beeinflusste Wallfahrtskirche, die in einen achteckigen Wandelgang eingebetettet ist, entstand in den Jahren 1772 bis 1774. Im Innern der kleinen Kirche stößt der Reisende auf ein typisches Beispiel für die in ganz Andalusien weit verbreitete Mischung aus intensiver Marien-Verehrung und volkstümlichem Aberglauben: fast etwas versteckt, an der hinteren linken Wand neben dem Haupteingang, sind zwei mit allerlei Krimskrams gefüllte Glasvitrinen angebracht, deren Inhalt man als Außenstehender zunächst nicht mit den Riten der Katholischen Kirche in Verbindung bringen würde: Pass-Fotos, Kopien von Ausweispapieren, Führerscheinen oder sonstigen Dokumenten, kleine Plüschtiere, Schlüsselanhänger und immer wieder Schlüssel in jeglicher Form. Schließlich lassen wir uns von einem Einheimischen darüber aufklären, was es mit diesem exotischen Brauch auf sich hat. Die Gläubigen, so erzählt er, die in der Santa-Ana-Kapelle die Heilige Jungfrau anbeten, deponieren hier Gegenstände, die einen meist sehr wichtigen, intensiven Wunsch repräsentieren. So symbolisiert beispielsweise ein Schlüsselbund die Sehnsucht eines Gläubigen, der Himmel möge ihm eine bezahlbare Eigentumswohnung schicken (das wichtigste Statussymbol in Spanien). Mit der Kopie eines Führerscheins bitten Fahranfänger die Heilige Jungfrau um das Bestehen der Prüfung, usw. usw. Das Ganze ist, wie gesagt, sehr "typical Spanish".
Die Schlüssel zu diesen "Wunsch-Schreinen" bewacht übrigens eifersüchtig eine Greisin, die im hinteren Teil der Kapelle wohnt und die auch ansonsten dafür sorgt, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.Und so wird uns, am Ende unserer ersten Entdeckungsreise durch Chiclana, einmal mehr bewusst, dass man hier, nur binnen eines Tages, aus der Moderne in längst vergangene Zeiten reisen kann.