Freitag, 10. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Cádiz oder Das funkelnde Silbertässchen im Atlantik

Die Hauptstadt der Costa de la Luz verzaubert den Besucher mit einzigartiger architektonischer Schönheit und zum Teil noch urwüchsiger Seeräuberatmosphäre. Tazita de plata, "Silbertässchen", nennen die Einwohner von Cádiz, die Gaditanos, ihre am südlichsten Zipfel Andalusiens wie ein Komet ins Meer ragende Stadt liebevoll. Sie hätten damit keine bessere Möglichkeit finden können, das alles bestimmende Charakteristikum ihrer Heimat mit nur einem Wort zu umschreiben. Und in der Tat liegt der um 1100 v. Chr. als Gadir ("Burg") von den Phöniziern gegründete alte Teil der Stadt wie ein überdimensionales, in der Sonne funkelndes silbernes Trinkschälchen im an manchen Tagen smaragdgrünen Atlantik. So ist denn auch das Licht das alles bestimmende Element, das Cádiz zu jeder Stunde des Tages ein anderes, stets gehimnisvolles Antlitz verleiht und das in seiner Einzigkartigkeit den Reisenden verzaubert. Cádiz, die "karibischste“ Stadt Europas, die älteste und einst, nach Rom, reichste und einflussreichste Stadt der westlichen Welt, die Stadt des Lichts, die Hauptstadt der Lichtküste.

Cádiz zu Fuß erkunden
Der Reisende, der über die beeindruckende Konstruktion der José León de Carranza-Brücke, die die Halbinsel Cádiz mit dem Rest der Provinz verbindet, in den neuen Teil der Stadt hineinfährt, ist zunächst einmal schwer enttäuscht. Lieblos dahingeknallt wirken die schmutzigbraunen Hochhaustürme links und rechts der vierspurigen Avenida, der stets verstopften Hauptverkehrsschlagader der Hafenstadt. Die typischen Bausünden des sogenannten "Booms", der, beginnend in den 60er Jahren der Ära Franco, so vielen spanischen Städten nie verheilende urbane Narben verpasste. Seinerzeit hieß es, zu bauen, was das Zeug hält, schnell und vor allem billig, jeder Spanier sollte stolzer Besitzer einer Eigentumswohnung sein.
Kurios: Unter den Einheimischen gilt es als absolut schick und angesagt, in der auf den Fremden abgrundtief hässlich wirkenden vierspurigen, lauten Avenida zu wohnen. Moderige Uralt-Wohnungen aus den 60-er oder 70-er Jahren werden hier zum Teil schon für Summen um die 400.000,- Euro gehandelt – und gehen, angesichts des zurzeit stark überhitzten Immobilienmarktes, weg wie warme Semmeln.
Das soll nun also eine der schönsten Städte der Welt sein, die zu Beginn der römischen Kaiserzeit gleich nach Rom als größte und reichste Stadt des lateinischen Westens galt?
Lassen wir also die Neustadt schnell hinter uns und fahren immer geradeaus weiter, bis hin zum nahezu komplett erhaltenen Verteidigungswall des historischen Cádiz, der den Handelsplatz einst vor den brutalen Plünderungen seitens britischer und niederländischer Seeräuber schützen sollte. Dort bilden die Puertas de Tierra, die "Kontinentalpforten", die obligatorische Zugangsschleuse zur Altstadt, dem Casco Antiguo von Cádiz.
Das alte Cádiz muss zu Fuß erkundet werden.
Das Abenteuer kann beispielsweise gegenüber dem Hafen, auf dem Rathausplatz, der Plaza San Juan de Dios, beginnen. "Kreuzfahrer", deren schwimmende Hotelburgen in Cádiz anlegen, sehen den neoklassizistischen Zuckerbäckerbau des Rathauses bereits von der Brücke aus.
Spätestens jetzt ist es ratsam, sämtliche Reiseführer oder Stadtpläne im nächsten Papierkorb zu entsorgen, denn in den verwinkelten Gassen der Altstadt von Cádiz lässt man sich am besten einfach mit viel Zeit treiben.
Einzige Voraussetzung hierfür ist, bereitwillig alle Sinne weit für unzählige neue Eindrücke und Gerüche zu öffnen. Wer es trotzdem lieber systematisch mag, kann sich im Touristen-Informationspavillon auf dem Rathausplatz ausgiebig beraten lassen; dort wird, neben Englisch, mit etwas Glück auch in Deutsch parliert. Eine weitere Möglichkeit ist, den vier von der Stadtverwaltung etablierten Historischen Routen zu folgen.



Was den Reiz des alten Cádiz ausmacht, ist die Mischung aus üppiger, fast wollüstiger architektonischer Schönheit (insbesondere 17. u. 18. Jh.) und der hinter jeder Ecke lauernden, angenehm schäbigen Seeräuberhafenatmosphäre. Reisende, die sich noch aus Kindheitstagen an die Abenteuer von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf erinnern, werden sich hier plötzlich ins bis dato nur in der Phantasie existierende Taka-Tuka-Land versetzt sehen.
Feineren Nasen wird wohl zuerst der omnipräsente Duft von frittiertem Fisch auffallen, der dem Globetrotter an nahezu jeder Ecke des Altstadtgassengewirrs entgegenschlägt. Cádiz ist zweifelsohne die Welthauptstadt des Peh´caíto frito, des hierzulande so typischen frittierten Meeresgetiers. So gehören denn auch die unzähligen Freidurías (Fischbrätereien) zum typischen Straßenbild der Stadt. Oft direkt hinter den Fensterscheiben der jeweiligen Läden stapelt sich die in heißem Öl gesottene Spezialität, die die Gaditanos gleich pfundweise in spitzen Papiertüten nach Hause tragen - wo der Inhalt dann mit den Fingern gegessen wird.
Das fangfrische Rohmaterial findet man auf der Plaza (außer montags), der neben der Plaza de las Flores (Blumenplatz) gelegenen Markthalle der Altstadt, deren Besuch nicht nur ein Feuerwerk der Sinne mit sich bringt, sondern auch ein absolutes Muss eines jeden Cádiz-Rundganges ist. Die beste Zeit für den Marktbummel ist morgens früh, bevor die stets malerisch dekorierten Stände dann in der Mittagszeit von Heerscharen Einkaufswägelchen-bewaffneter Hausfrauen geplündert werden. Jedes Detail der meist mit zahllosen Heiligen- oder Stierkämpfer-Bildchen liebevoll dekorierten Marktstände ist sehenswert, nachhaltig beeindruckend das Konglomerat aus Düften, Geplärre und originellen Typen, die einer anderen, längst vergangenen Zeit entsprungen zu sein scheinen.


Klein-Habana mitten in Cádiz
Direkt hinter der Markthalle beginnt La Viña, das älteste und volkstümlichste Viertel der Stadt, mit seinem verschmitzten und verschrobenen Menschenschlag, gleichzeitig Wiege des weltberühmten Karnevals von Cádiz. Das schönste sind hier die vielen, in der Regel winzig kleinen Tante Emma-Läden, die sich hinter jeder Ecke verbergen und in denen es einfach alles zu kaufen gibt, vom Kanarienvogel über den Lockenwickler, über längst vergriffen geglaubtes Blechspielzeug, bis hin zu Büstenhaltern und feinstem spanischem Schinken.
Gleichzeitig finden sich in La Viña zwei absolute gastronomische Highligts der Stadt, die verschrobene Stierkämpferkneipe El Manteca und der nicht ganz billige Gourmettempel El Faro. Im El Manteca, dessen Wände mit Hunderten vergilbter Stierkampf-Fotos und Plakaten "tapeziert" sind, werden die Tapas traditionell einfach auf Butterbrotpapier serviert - Teller und Besteck sind hier verpönt. Mit etwas Glück findet man sich plötztlich inmitten einer spontan ausbrechenden Flamenco-Session, die bis in die frühen Morgenstunden dauern kann. Im El Faro hingegen speist die Schickeria von Cádiz, oder zumindest all jene, die sich dafür halten. Empfehlenswert ist hier insbesondere die Bar, an der sicherlich eine Auswahl der besten Tapas der Stadt zu finden ist. Ein absolutes Muss sind die hausgemachten Süßspeisen, ein Traum für jeden Feinschmecker.
Die natürliche Grenze von La Viña bildet der Drago, einer der seltenen "Tausendjährigen Riesen-Drachenbäume", von denen es in ganz Spanien nur eine Hand voll gibt. Der Drago bildet ein beeindruckendes natürliches Dach über einem kleinen Platz, der wegen seines Schattens traditionell als Taxi-Haltestelle missbraucht wird.
Überqueren wir hier die Straße, so stoßen wir genau gegenüber schon auf die Südgrenze der Altstadt von Cádiz, sprich auf das Campo del Sur (Südfeld) mit den kleinen aber feinen Stadtstrand La Caleta, der im Sommer komplett von den Viñeros, den Bewohnern des oben beschriebenen Stadtteils, eingenommen wird. Dominiert wird La Caleta vom im frühen 20. Jh. als Badehaus errichteten Balneario de la Palma, in dem heute ein Forschungszentrum für Unterwasser-Archäologie untergebracht ist.
Dieses wunderschöne, weiß strahlende Bauwerk spielte übrigens eine Hauptrolle im jüngsten James-Bond-Abenteuer ("Stirb an einem anderen Tag", USA, 2002), in dem es als Kulisse für ein Nobelhotel diente. Überhaupt hatten die Filmleute das ganze Campo del Sur zum "kubanischen" Malecón, der Altstadt-Uferpromenade von La Habana umfunktioniert; so wurde beispielsweise die gegenüber liegende Festungsanlage San Sebastián im 007-Streifen zur finsteren Privatklinik für Genmanipulation, freilich digital zu einer mutmaßlich vor Kuba liegenden Felseninsel aufgepuscht. Die Produktionsfirma hatte sich seinerzeit aufgrund der verblüffenden Ähnlichkeit zwischen La Habana und Cádiz für die Provinzhauptstadt als Drehort entschieden – Hunderte von Gaditanos wirkten als Statisten mit.
In unmittelbarer Nähe von La Caleta gelegen bietet sich die Terasse des zur staatlichen Paradores-Kette gehörenden Vier-Sterne Hotels Atlántico zur Kaffeepause an, wo man sich den traumhaft schönen, beruhigenden Meerblick unbedingt mit einem Stück der hausgemachten Schokoladentorte versüßen sollte.
So gestärkt kann die Entdeckungstour im in unmittelbarer Nachbarschaft des Atlántico liegenden Parque Genovés ("Genuesischer Park") fortgeführt werden. Der Park ist, trotz seiner geringen Ausmaße, ein Muss für jeden Naturliebhaber, selten findet man auf so geringem Raum eine vergleichbare Artenvielfalt. Geschmackssache, aber auf jeden Fall sehenswert, sind auch die aufwendig in geometrische Formen gestutzten Bäume und Sträucher, die den Hauptweg des Parque Genovés säumen.
Sonntags wird der Park von einheimischen Großfamilien in Beschlag genommen, wodurch sich eine Atmosphäre ergibt, die man als Mischung aus impressionistischer Sommerfrische und totalem Chaos beschreiben könnte.
Verlässt man nun den Park und taucht, auf der gegenüber liegenden Straßenseite, wieder in den Altstadtkern ein, findet man sich auf der pintoresken Plaza del Mentidero (Mentidero-Platz) wieder, Mittelpunkt des gleichnamigen Stadtteils Mentidero und Sitz der Philosophischen Fakultät (Facultatd de Filosofía y Letras).
Wer jetzt schon wieder Appetit hat, sollte unbedingt in der im Kolonialstil gehaltenen Tapa-Bar El Veedor einkehren und dort die Spezialität des Hauses, Tortilla de Berenjenas con queso y jamón (Auberginen-Tortilla mit Schinken und Käse) probieren.
Das Mentidero-Viertel, heute noch ein "Einfache-Leute-Staddteil", durchlebt zurzeit einen durchgreifenden Wandel, wird Haus für Haus renoviert. Es scheint absehbar, dass El Mentidero sich eines nicht allzu fernen Tages zum bevorzugten Wohnort der Bohème wandeln wird, ebenso wie das oben beschriebene Quartier La Viña.

Im Herzen der Altstadt
Über die Calle Veedor gelangt man nun direkt ins Herz des Casco Antiguo, in den San-Antonio-Bezirk. Zentrum dieses Viertels bildet die Plaza San Antonio, der größte und sicherlich lebendigste Platz der Stadt. Spätnachmittags wimmelt es nur so von Kindern, die hier bolzen, Rad- oder Rollschuh fahren oder einfach nur die unzähligen Tauben ärgern. Im Winter baut das Rathaus hier sogar eine Schlittschuhbahn auf, womit sich ein recht exotisches Bild ergibt.
Nur zwei Sraßenzüge weiter stößt man auf einen der schönsten Plätze der Stadt, die Plaza de Mina, wo man sich unversehens auf einer Karibikinsel wiederzufinden scheint. Das Zentrum der Plaza de Mina bildet ein kleiner Palmenwald, den Hunderte von Singvögeln bevölkern, die hier ein unglaubliches Spektakel veranstalten. Gekrönt wird das Ganze noch von den aussichtslosen Versuchen der Stadtverwaltung, das Federvieh durch ohrenbetäubende Knallfrösche zu vertreiben.
Umsäumt ist der Platz – noch bis Mitte des 19. Jahrhunders Gemüsegarten eines Franziskanerklosters – von aus dem 17. und 18. Jh. stammenden Patrizierhäusern, den sogenannten Casas Palacio.
Die Plaza de Mina ist gleichsam das Zentrum des bürgerlichen Lebens. Hier trifft man sich am späten Nachmittag zum Aperitif in einer der zahlreichen Kaffeeterassen. Dann wird flaniert, geklönt und laut getratscht. Gleichzeitig ist natürlich auch dieser Platz ganz selbstverständlich Fußballfeld und Rollschuhbahn fúr die stets liebevoll herausgeputzten kleinen und kleinsten Gaditanos.
Cádiz ist nicht nur alte Handels- und Hafenstadt, sondern auch Sitz einer Hochschule, deren Fakultäten sich zum Teil in der Altstadt befinden. Dies macht sich wiederum deutlich im Nachleben bemerkbar, das traditionell bereits ab donnerstags von der trinkfreudigen Studentenschaft eingeläutet wird. Hier trifft sich dann ab Mitternacht die Jugend zum Smalltalk bei mitgebrachtem Whiskey oder Bier aus Plastikbechern, wodurch sich für den Reisenden aus dem Norden ein surrealistisches Szenario bietet: Tausende von Schülern und Studenten, zum Teil fein herausgeputzt, verwandeln den tagsüber so romantischen Platz in eine riesige, lärmende Kneipe, das Ganze bewacht von den lakonischen Blicken der städtischen Polizei (Policía Local).
Doch auch wer lieber an der Theke steht, wird nicht enttäuscht. Die Plaza de Mina bildet gleichermaßen das geographische Zentrum des Kneipenviertels der Altstadt von Cádiz. In den von hier ausgehenden Gassen gibt es für jeden Geschmack etwas, von rustikalen Tapa-Tavernen über die typisch spanischen Disko-Pubs bis hin zur schaurig-schönen Bierspelunke. Ganz in der nähe findet sich auch die älteste und gleichsam originellste Kneipe der Stadt, El Nicanor - ein absolutes Muss für jeden, der das Nachtleben von Cádiz richtig auskosten will.

Glanz längst vergangener Zeiten
Seine Blüte in der Neuzeit erlebte Cádiz als neben Sevilla wichtigster Ausgangshafen der sogenannten "Westindien-Fahrer", den Cargadores a Indias. Zwischen 1509 und 1778 besaß die Stadt das Handelsmonopol für die spanischen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent. Kaufleute aus ganz Europa bauten die für Cádiz so typischen Bürgerhäuser mit ihren Aussichtstürmen (Miradores), deren Fassaden und Innenhöfe üppig mit italienischem Marmor und tropischen Edelhölzern ausgestattet wurden.
Der einstige Wohlstand der Stadt spiegelt sich auch in den unzähligen Kirchen wieder, die von durch den Kolonialhandel reich gewordenen Kaufleuten aufs üppigste mit allerlei Gold-Silber- und Edelsteingezier ausstaffiert wurden.
1812 wurde in der ebenfalls in Cádiz´ Casco Antiguo gelegenen Kirche Oratorio de San Felipe die erste demokratische Verfassung Spaniens unterzeichnet, die der Volksmund als La Pepa kennt. Für das 200-jährige Jubiliäum der Pepa hat das Rathaus zahlreiche, zum Teil sehr ehrgeizige Infrastrukturmaßnahmen ins Auge gefasst; so soll, unter anderem, eine zweite Brücke als Verbindung zum Festland gebaut werden, deren erste Entwürfe stark an die Golden Gate-Bridge in San Francisco erinnern.
Das heutige Cádiz zählt rund 130.000 Einwohner – aufgrund der zwischenzeitlich ins Astronomische gestiegenen Immobilienpreise Tendenz fallend – die den traurigen Europarekord von nahezu 50 Prozent Arbeitslosen halten.
Dennoch sind die Gaditanos ein ausgesprochen liebenswerter und gastfreundlicher Menschenschlag, der sich Optimismus und Lebensfreude, trotz aller ökonomischen Widrigkeiten, nicht hat nehmen lassen. Schließlich ist es so, dass es sich bei der oben genannten aberwitzigen Arbeislosenrate nur um die offizielle Statistik handelt, werkeln doch die meisten "Arbeitslosen" irgendwo und irgendwie "unter der Hand", in allen möglichen und unmöglichen Handwerks- oder Dienstleistungsberufen – typisch Gaditano eben: Irgendwie schlägt man sich durch, immer mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen.