Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...


Welthauptstadt des Thunfischs

Wer wirlich gut Fisch essen will, muss einfach nach Barbate kommen. Die ebenso alte wie falsche Mär, dass man den besten frischen Fisch überhaupt nur in Madrid bekomme, hier wird sie einmal mehr widerlegt. Insbesondere für seinen Thunfisch ist Barbate weltberühmt, der hierzulande noch per "Handarbeit“ nach der traditionellen Almadraba-Methode gefangen wird. Frischen Thunfisch gibt es in der Regel zwischen April und August, was im Winter angeboten wird, kommt aus der Gefrierkammer – ein Unterschied wie Tag und Nacht.
So beginnen wir unsere kleine Entdeckungsreise am besten mit einem Rundgang durch die nahe der Altstadt gelegenen Markthallen. Die sind zwar nicht gerade ein architektonisches Glanzlicht, die feilgebotenen Waren dafür aber ein Augenschmaus. Wohl dem, der sich hier regelmäßig eindecken kann.
Am Stand des Traditionsbetriebes Pescados Hermanos Atencia Varo zeigt uns die Chefin die schönsten Exemplare. Stolz erzählt sie, dass der kleine Familienbetrieb täglich mit zwei eigenen Kuttern hinausfährt, frischer und besser geht es einfach nicht. "Wo kommst du her?... aus Cádiz...“, lacht sie dann, "da gibt´s doch keinen gescheiten Fisch!“. Eine echte Andalusierin eben, heimatverbunden und lokalpatriotisch.
Wer jetzt schon Hunger bekommen hat, dem sei an dieser Stelle das nahe gelegene Fischrestaurant "La Parada“ (Die Haltestelle) empfohlen. Man sollte sich nicht von der einfachen Aufmachung des Lokals abschrecken lassen, die Küche ist trotz der Bierzeltatmosphäre hervorragend.
Die Spezialität des Hauses ist – wie auch sonst – der Thunfisch, der hier in allen nur erdenklichen Varianten zubereitet wird. Wer sich nicht entscheiden kann, bestellt sich am besten einen Surtido de Atún (Gemischter Thunfisch-Teller), ein wahres Freudenfest der Sinne. Zuvor empfiehlt sich das hervorragende tagesfrische Gazpacho (auf Tomaten und Paprika basierende andalusische Gemüsekaltschale), als Nachtisch ist der hausgemachte Vanille-Pudding mit Keks (Natillas) ein absolutes Muss.
Der Atún ist übrigens der einzige Fisch, zum dem Rotwein passt, zum Beispiel ein lokaler Regantio Viejo aus Arcos, ein noch bezahlbarer Geheimtipp.

Überbleibsel längst vergangener Zeiten
So gestärkt ziehen wir nun weiter zum nahe gelegenen Altstadtkern (Casco antíguo), der sich durch seinen stark dörflichen Charakter auszeichnet. Wie in eine Puppenstube hineinversetzt fühlt sich der Reisende hier, so klein, so verwinkelt ist das alte, das echte Barbate: Nachbarn, die vor den geduckten, schneeweiß gekalkten Fischerhäuschen sitzen und plaudern, davor splitternackte, braun gebrannte Kinder, die unbekümmtert auf der Straße spielen, das Ganze immer wieder unterbrochen von intensiv duftenden Blütendächern, und Geranienkübeln. Im winzigen Krämerladen, wo es für Preise von Neunzehnhunderttobak einfach alles zu kaufen gibt, wacht ein stolzer Lausbub mit Zigarette im Mundwinkel über das Sortiment, es ist Mittag, der Chef schläft seine wohlverdiente Siesta.
Das 21. Jahrhundert ist hier ebenso fern wie der Massentourismus der Costa del Sol. Das alte, urwüchsige, auf den Fremden so romantisch wirkende Andalusien, hier hat es überlebt.
Schließlich hat Barbate eine lange Geschichte, so geht das Etymon des heutigen Namens der Stadt auf die Bezeichnung für die letzte westgotische Festungsanlage, Warbat, zurück, die sich hier, an der Mündung des Río Barbate (Barbate-Fluss), noch bis 711 befand, jenem Jahr, in dem der letzte spanische Westgoten-König, Roderich, von den aus Nordafrika eindringenden Mauren-Stämmen am Guadalete entscheidend geschlagen wurde.
Barbate ist natürlich auch Badeort, auch hier der für die Costa de la Luz so charakteristische feinsandige, flach in den tief grünen Atlantik abfallende Strand (Playa del Carmen), soweit das Auge reicht. An der Uferpromenade (Paseo Marítimo) lädt ein Chiringuito (Strandbude mit Restaurant-Betrieb) neben dem anderen zum Fisch essen oder zum Tapeo (in Spanien längst zum Kulturgut gewordener Brauch des gemeinschaftlichen Tapa-Essens) ein, die Frische ist garantiert, liegt doch der Fischereihafen gleich nebenan.
In der ebenfalls am Paseo Marítimo gelegenen Eisdiele von "Pepe el Malagueño“ gibt es die besten Milk-Shakes (Batidos de Helado) der Iberischen Halbinsel, ein absolutes Muss, für das man sich unbedingt Zeit nehmen sollte.

Dichte Pinienwälder und Paradiesstrände am Trafalgar-Kap
Nicht nur Barbate-Stadt, sondern auch das nähere Umland lohnen auf jeden Fall einen Besuch, liegt doch in unmittelbarer Nähe einer der schönsten Pinienwälder Spaniens, dem sich die paradiesischen Strände von Los Caños de Meca anschließen, einer zum Gemeindegebiet von Barbate gehörenden Küstensiedlung am Kap von Trafalgar.Verlassen wir nun also das Stadtgebiet von Barbate und nehmen die schmale, kurvenreiche Landstraße Richtung Los Caños de Meca in Angriff, die durch das Naturschutzgebiet Parque Natural de la Breña y Marismas del Barbate führt.
Auf halber Strecke entschließen wir uns dazu, einem Tipp nachzugehen, den wir im Tourismus-Büro von Barbate bekommen haben. Liege doch mitten im Pinienwald, nur etwa fünf Kilometer von Los Caños entfernt, eines der schönsten Landhotels Andalusiens, das El Palomar de la Breña (etwa: der Taubenschlag im Gestrüpp), ein ehemaliges Landgut aus dem 18. Jahrhundert – Nomen est Omen.
Rund viereinhalb Kilometer nach dem Verlassen des Stadtgebietes von Barbate biegen wir also in einen von der Hauptstraße weg führenden, schmalen aber asphaltierten Seitenweg ein, den Anweisungen der Tourismus-Fachleute folgend. Plötzlich finden wir uns mitten in einem traumhaft schönen, dichten Pinienwald wieder, wo uns mit einem Male eine Mischung aus himmlischer Ruhe und angenehmer, dunkler Waldeskühle umgibt.
Keine Menschenseele ist hier zu sehen, und die einzigen Begleiter, die dem Reisenden Gesellschaft leisten, sind Tausende goldener Lichtreflexe, die das dichte, dunkelgrüne Baumkronen-Dach allenthalben durchdringen; immer tiefer schlängelt sich die nun zunehmend enger werdende Landstraße in den Pinienwald hinein, über eine Lichtung hinweg, auf der einsam und verlassen ein kleiner Getreidespeicher steht.
Mit einem Male ist Schluss mit dem asphaltierten Weg, nur eine staubige, wenig Vertrauen erweckene Schotterpiste führt hier weiter.
Doch schon nach der nächsten Kurve öffnet sich ein weites Tal, riesige Windräder am Horizont, und zu unseren Füßen liegt das Landhotel Palomar de la Breña in der rotgoldenen Abendsonne.
Der französischstämmige Besitzer des Anwesens, Eric Kempf, führt uns auch ohne Voranmeldung durch seine liebevoll und detailverliebt restaurierte Hazienda, die jederzeit einem Western als Kulisse dienen könnte.
Die acht Zimmer des Hauses sind rustikal-andalusisch dekoriert, verfügen aber ansonsten über die heute üblichen Annehmlichkeiten eines Mittelklasse-Hotels. Ganzer Stolz der neuen Besitzer ist aber der – von außen nicht sichtbare – noch weitestgehend im Originalzustand erhaltene, riesige steinerne Taubenschlag, der dem Gut zu seinem Namen verholfen hat. Die seit langer Zeit stillgelegte Anlage ist angeblich die größte ihrer Art weltweit.
Das Hotel eignet sich nicht nur für ein romantisches Wochenende zu zweit, sondern auch als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wander-, Fahrrad- oder Reittouren durch das Naturschutzgebiet.
Verlassen wir nun diesen einmalig gelegenen, wunderschönen und romantischen Ort, schließlich wollen wir doch noch die berühmten Strände von Los Caños de Meca kennen lernen. So geht es, erneut durch den Pinienwald fahrend, zurück auf die Hauptstraße, wo nach etwa drei Kilometern, tief unten im Tal gelegen, der scheinbar schneeweiße Streifen eines nicht enden wollenden Strandes auftaucht.
Die Urbanisation Los Caños de Meca ist aus unserer subjektiven Sicht zwar nicht besonders attraktiv, entschädigt dafür aber mit ihrem Paradies-Strand, wie man ihn so normalerweise nur auf getürkten Reiseprospekt-Fotos zu sehen bekommt. Rund drei Kilometer naturbelassener, goldgelber, feiner Sand, die sich vor einer unberührten Dünenlandschaft erstrecken. Keine Wolkenkratzer, keine Beton-Bettenburgen – Massentourismus Fehlanzeige.
Das Ganze geht nahtlos in in den ca. fünf Kilometer langen Strand über, der unterhalb des Leuchtturms von Trafalgar liegt (Faro de Trafalgar). Dieser Strandabschnitt ist insbesondere bei Nudisten beliebt, kleine, unberührte Felsbuchten spenden die entsprechende Intimität.
Der Trafalgar-Strand ist völlig naturbelassen, verfügt dafür aber auch über keinerlei Service-Einrichtungen. Dieses Manko wird durch das Gefühl wett gemacht, sich auf einer einsamen Südsee-Insel zu befinden; nicht umsonst bezeichnet die spanische Presse die Costa de la Luz bereits als die "Karibik der Iberischen Halbinsel“. Alles in allem ein sehr exotischer, fast paradiesisch anmutender Ort, sicherlich einer der schönsten Küstenabschnitte Spaniens.

"Romantisches Fischerdorf und Promi-Treff"
Auf halber Strecke zwischen Barbate und Tarifa liegt das kleine Zahara de los Atunes, das in den vergangenen zehn Jahren eine erstaunliche Metamorphose vom verträumten Fischerdorf hin zum beliebten Urlaubsort für die spanische Hautevolee vollzogen hat. Mit etwas Glück sieht man hier zum Beispiel Penélope Cruz aus den Fluten steigen, die gerne Kurzferien in Zahara verbringt. Dabei findet sich die "Ex“ von Tom Cruise in bester Gesellschaft mit nationalen Fernsehstars wie El Gran Wyoming oder Imanol Arias, letzterer Protagonist der erfolgreichsten spanischen TV-Serie aller Zeiten, Cuéntame cómo pasó ("Erzähl mir wie es war“). Doch auch immer mehr ausländische Feriengäste, Langzeiturlauber und Residenten wissen die Reize dieses kleinen aber feinen, unverdorbenen Naturparadieses zu schätzen, das über einen der schönsten Sandstrände der Iberischen Halbinsel verfügt.
Wenn auch an einem der schönsten Küstenabschnitte Europas gelegen, der nun langsam aber sicher in den Portefeuilles der großen Reiseveranstalter auftaucht, so ist Zahara de los Atunes doch noch ein richtiges Dorf – im positiven Sinne.
Der nur aus wenigen Straßenzügen bestehende historische Ortskern mit seinen flachen Fischerhäuschen hat seinen eigenständigen, ruhigen und angenehm provinziellen Charakter bewahrt.
Als wäre der ganze Flecken ein überdimensionales Wohnzimmer, sitzen hier in die unvermeidliche Kittelschürze mit Blumenmuster gehüllte Nachbarinnen auf einem kleinen, von zwei Hausecken gebildeten Platz und halten einen Plausch – Balkonien auf Andalusisch. Die Fensterbänke sind liebevoll mit Geranien-Töpfen geschmückt und aus den offenen Haustüren murmelt der obligatorische Fernseher, der hierzulande einfach nie ausgeschaltet wird.
Nur ein paar Schritte weiter und schon steht man mitten auf dem rund sechs Kilometer langen, völlig naturbelassenen Strand von Zahara de los Atunes: Keine Hochhäuser, keine lärmende Uferpromenade mit betrunkenen Angelsachsen, keine Souvenirläden, keine vor Fett triefenden Hamburger-Lokale; nichts trübt hier die unverdorbene Idylle. Nur begrünte Dünen, die in goldgelben, feinen Sand übergehen, der flach in den smaragdgrünen Atlantik abfällt.
Das 1000-Seelen-Dorf Zahara de los Atunes ist vielleicht eines der besten Beispiele für jene Politik, die an der Costa de la Luz längst zum ungeschriebenen Gesetz geworden ist: um keinen Preis die an der benachbarten Costa del Sol begangenen Fehler wiederholen, auch auf die Gefahr hin, so den einen oder anderen britischen Pauschaltouristen niemals als Kunden zu gewinnen.
Ein "Risiko“, das sich jetzt schon auszahlt, wächst Zahara de los Atunes doch unaufhörlich, wenn auch bedächtig und dezent, niemals in die Höhe, immer das natürliche Umfeld respektierend – Bettenburgen à la Benidorm oder Torremolinos sind hier absolut tabu.

Einst Zentrum der Thunfisch-Industrie
Wie der Namenszusatz des Ortes, „...de los Atunes“ ("...der Thunfische/ von den Thunfischen“) schon vermuten lässt, dreht sich auch in Zahara alles um den Thunfisch, dessen Fang noch immer eine der wirtschaftlichen Hauptaktivitäten auf lokaler Ebene ist.
Hiervon zeugt noch heute das bereits im 16. Jahrhundert erbaute Castillo del los Duques de Medina Sidonia (Schloss der Markgrafen von Medina Sidonia), dessen Ruinen – aus historischer Sicht – im Grunde genommen das einzige architektonische Glanzlicht des alten Zahara darstellen.
Seinerzeit hatte das Schloss drei Funktionen: Zum einen Sommerresidenz der Markgrafen von Medina Sidonia sowie dem zugehörigen Hofstaat, zum anderen Lager- und Produktionsstätte der lokalen thunfischverarbeitenden Industrie (letztere vom Markgrafen persönlich kontrolliert) und schließlich auch Verteidigungsanlage, lebten doch die Bewohner der Provinz Cádiz bis ins 16. Jahrhundert hinein noch immer mit der Angst, die auf das Gebiet des heutigen Marokko zurückgedrängten Berberstämme könnten einen letzten verzweifelten Versuch starten, über die Lichtküste in das ehemals moslemische Andalusien einzudringen.
Im Innern des Schlosses wurden sämtliche zum ausgesprochen lukrativen Thunfisch-Fang notwendigen Utensilien aufbewahrt, unter anderem konnten hier sämtliche Netze sowie 30 Fischerboote gelagert werden. Darüber hinaus beherbergte das Castillo auch Weiterverarbeitungsanlagen, etwa zur salzbasierten Konservierung des Thunfischs, außerdem Werkstätten und Verwaltungsbüros. Sogar eine eigene Kapelle war hier untergebracht. Heute sind von den einstigen gut 15.000 Quadratmetern Nutzungsfläche des Castillo nur noch die kleine Kirche, einige Mauerreste sowie die beiden ehemaligen Eingangspforten erhalten.

Zahara im Zeichen der Neuzeit
Nur etwa drei Auto-Minuten vom historischen Ortskern entfernt, beginnt das moderne, neuzeitliche Zahara de los Atunes mit seinen in den Wintermonaten wie ausgestorben wirkenden Urbanisationen. Die in unmittelbarer Strandnähe gelegenen Apartmentanlagen gehören insbesondere wohlhabenden spanischen Sommerfrischlern aus Madrid und Sevilla, die in dem Ganzen auch eine Geldanlage sehen, die ihnen in den vergangenen zehn Jahren nicht nur mehr Rendite, sondern auch wesentlich mehr Freude als ein Aktien-Depot eingebracht hat.
Von hier aus führt schließlich eine Palmen-Allee in das sehr gediegene Wohngebiet Atlanterra hinauf, das auf einem traumhaft über dem Meer gelegenen, vor Vegetation strotzenden Hügel angesiedelt ist, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die gesamte Küste hat. Spießige Reihenhäuschen wie aus einem Guss kann man hier lange suchen, das Ganze erinnert eher ein wenig an Blankenese und Elbchaussee, nur eben ohne den grauen Hamburger Himmel. Die überaus großzügigen, zum Teil architektonisch sehr reizvollen Anwesen sind meist mit hohen Mauern vor allzu neugierigen Blicken geschützt, dahinter regelrechte Paradies-Gärten. Bereits in den frühen 50-er Jahren haben sich hier viele weitsichtige deutsche Residenten niedergelassen, so dass die Einheimischen die zu Atlanterra gehörende kleine Bucht nur La Playa de los Alemanes, den "Strand der Deutschen“ nennen.