Nur etwa eine Autostunde von Cádiz-Stadt
entfernt liegt eine der urbanistischen Kronjuwelen
Spaniens, die mittelalterliche Festungs-Stadt
Arcos de la Frontera. Trotz seiner knapp 30.000
Einwohner hat der Ort seinen traditionellen,
altandalusischen Charakter bewahrt und wird
somit in der iberischen Reiseliteratur auch
offiziell zum Kreise jener berühmten "Weißen
Dörfer" (Pueblos Blancos) gerechnet,
die sich die Provinzen Cádiz und Málaga
teilen. Was den Globetrotter an Arcos aber normalerweise
am meisten fasziniert, ist seine spektakuläre
geographische Situation, auf einem 195 Meter
hohen Steilhang über dem Fluß Guadalete
gelegen. Um alle Reize dieses kleinen aber feinen
Städtchens zu erkunden, sollte man sich
mindestens zwei Tage Zeit nehmen, an romantischen
Hotels mangelt es nicht. Darüber hinaus
ist Arcos der ideale Ausgangspunkt für
eine mehrtägige Reise durch die übrigen
Pueblos Blancos der Sierra von Cádiz.
"¡Vayase Vd. Con Díos!"
(Gehen Sie mit Gott!), ruft uns lächelnd
die Frau mittleren Alters nach, die, sich seelenruhig
einer Handarbeit widmend, im kühlen Schatten
ihres weiß gekalkten Patio (typisch andalusischer
Innenhof) sitzt, den liebevoll gepflegte Geranien-Töpfe
in ein regelrechtes Blumenmeer verwandelt haben.
Dabei ist dies mindestens die fünfte Touristengruppe,
die ihr diese Woche in den Hof trampelt, denn
es ist Freitag, und die vom Tourismus-Büro
organisierten Führungen durch die größtenteils
privaten Innenhöfe von Arcos finden jeden
Nachmittag statt.
Überhaupt ist die gelassene Freundlichkeit
der Menschen hier, die Aufgeschlossenheit dem
Fremden gegenüber, eines jener Charakteristika,
das den Reisenden – neben der einzigartigen
architektonischen Reize des Städtchens
- an Arcos am meisten beeindruckt.
Die Führungen durch die Altstadt von Arcos
de la Frontera starten vom städtischen
Tourismus-Büro (Rathausplatz) aus. Es gibt
keine festen Zeiten. Wer Interesse hat, möge
sich drinnen an einen der Mitarbeiter wenden.
In der Regel wird immer erst gewartet, bis eine
Gruppe von mehreren Personen zusammenkommt,
bevor die etwa einstündigen Rundgänge
durchs historische Zentrum starten.
Die Führungen werden, neben der Landessprache,
wahlweise auch in Englisch oder Französisch
abgehalten, Deutsch ist leider noch Fehlanzeige.
Wer nicht unter Zeitdruck steht, zieht –
mit einem guten Stadtplan bewaffnet –
freilich besser auf eigene Faust los.
Die Entdeckungstour kann beispielsweise
in der Basílica Menor Parroquia de Santa
María de la Asunción beginnen.
Hinter dem ellenlangen Namen verbirgt sich die
gleich gegenüber dem Rathaus gelegene Haupt-Kirche
von Vejer de la Frontera, einem
Prachtexemplar des andalusischen Barock. Die
Basilika wurde erst im Jahr 1764 von Rom zur
Hauptkirche erklärt, wodurch in Arcos ein
heftiger, verbittert ausgetragener Streit zwischen
den beiden hier traditionell bestehenden Pfarrgemeinden
– Santa María und San Pedro Apóstol
- ob der geistigen Vorherrschaft ausbrach.
Der mit einem 13-teiligen Geläut bestückte
Glockenturm stammt übrigens aus dem 18.
Jahrhundert, nachdem das Original durch die
Auswirkungen des Erdbebens von Lissabon, im
November 1755, völlig zerstört wurde.
Die Glocken werden noch immer von Hand bedient,
der Glöckner wohnt in der Kirche, im zweiten
Stock, auch dies ein Unikum.
Durch das Hauptportal –
im für das 16. Jahrhundert in Spanien so
typischen Plateresk-Stil – gelangen wir
ins Innere des Tempels, wo es übrigens
strikt verboten ist, mit Blitz zu fotografieren.
Drinnen wird uns, angesichts des zur Schau gestellten
Prunks, den man in einem solch kleinen Ort wie
Arcos nicht erwartet hätte, mit einem Mal
bewußt, welch enormen Stellenwert die
Katholische Kirche, insbesondere zwischen dem
16. und 18. Jahrhundert, der Blütezeit
des Spanischen Weltreiches, im lokalen Gesellschaftsleben
innehatte. So finden sich innerhalb der Basilika
allein fünf kleine Kapellen, die allesamt
auf private Stiftungen aus dieser Zeit zurückgehen.
Mit diesen Stiftungen wollten sich im Amerika-Handel
wohlhabend gewordene Kaufleute, Militärs
und Kleriker ein statusträchtiges Denkmal
setzen oder sich auch einfach nur post mortem
von ihren Sünden reinwaschen.
Auch hier finden wir mit massivem Silber verzierte
Nebenaltäre oder massivsilberne Kerzenleuchter
und Kustodien von unschätzbarem Wert. Der
in ganz Spanien weit verbreitete, großzügige
Einsatz dieses Materials im Kirchenschmuck liegt
darin begründet, dass die spanischen Kolonisatoren
auf ihren Entdeckungs- und Eroberungszügen
auf dem Amerikanischen Kontinent bei weitem
nicht auf so viel Gold stießen, wie sie
sich dies erhofft hatten. Das wesentlich geringer
geschätzte Silber gab es hingegen zunächst
in als industriell zu bezeichnenden Mengen.
Innerhalb der Santa María-Basilika
verdient unter anderem der Hauptaltar mit seiner
wunderschönen Orgel und dem aufwendig gedrechselten
Chorgestühl unsere Aufmerksamkeit. Letzteres
entstand zwischen den Jahren 1734 und 1744,
die verwendeten Materialien sind Eben- und Zedernholz
sowie Mahagoni.
Danach lohnt ein Blick auf einige interessante
Details der Sakristei, zum Beispiel
die Renaissance-Türen, mit ihren –
aus heutiger Sicht – makabren Insignien,
die den Gläubigen stets an die Endlichkeit
des irdischen Lebens erinnern sollten. Der alles
beherrschende Tisch aus Morón-Marmor
stammt aus dem Jahr 1702.
Weitere Besonderheiten dieser
Kirche sind ihr einzigartiges Licht, das man
unbedingt in aller Ruhe auf sich einwirken lassen
sollte sowie das 1881 im Kellergewölbe
entdeckte Wandgemälde mit einer Darstellung
der Heiligen Jungfrau, das sich heute gegenüber
dem Haupteingang des Tempels findet. Als eines
der wertvollsten und seltensten Musterbeispiele
der andalusischen Gotik wurde das Werk erst
1960 von dem katalanischen Künstler Antonio
Llopart an seinen heutigen Standort verbracht
und aufwändig restauriert. Verlassen wir nun die Santa-María-Basilika,
um unseren Blick über den Rathausplatz
schweifen zu lassen, dem ehemaligen Exerzierplatz
der Festungsanlage von Arcos. Noch bis weit
ins 18. Jahrhundert hinein diente der Platz
als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der
Stadt; neben dem Wochenmarkt wurden hier auch
Stierkämpfe
und sonstige Volksbelustigungen veranstaltet.
Das gegenüber dem Parador (zur halbstaatlichen
Paradores-Kette gehörendes Luxus-Hotel)
von Arcos gelegene Rathaus hat seit 1634 seinen
Sitz an dieser Stelle, hier ist auch das bereits
oben erwähnte Tourismus-Büro untergebracht,
von dem aus alle geführten Besichtigunstouren
starten.
In der Flucht des Rathausplatzes
liegt einer der beeindruckenden Miradores (Aussichtsplattformen)
des Ortes, von dem aus wir einen atemberaubenden
Blick über den unteren Teil der Stadt sowie
über weite Teile der Provinz haben. Der
Volksmund hat diesen Mirador übrigens mit
einem wirklich sehr deftigen Spitznamen belegt,
auf dessen Zitat wir an dieser Stelle bewußt
verzichten. Hobby-Anthropologen, die des Spanischen
mächtig sind, mögen einen älteren
Einheimischen danach fragen, normalerweise findet
sich immer einer, der die Geschichte grinsend
zum Besten gibt.
Das Eindringen in das Alstadt-Gassengewirr per
PKW sei an dieser Stelle übrigens nur sehr
geübten und sicheren Autofahrern empfohlen.
Hotelgäste erhalten an der Rezeption einen
Dauerparkschein für den Rathausplatz, der
aber alle 24 Stunden erneuert werden muss.
Wollen wir aber nun unseren Rundgang durch die
Altstadt von Arcos fortsetzen, am besten, in
dem wir die links neben der Basilika liegenden
Stufen hinab gehen, so gleich das wunderschöne
Plateresk-Seitenportal der Santa-María-Basilika
in Augenschein nehmend, dessen beeindruckende
Größe es erlaubt, in der Semana Santa
(Osterwoche) die tragbaren Heiligenaltäre,
die das Jahr über in der Kirche ruhen,
auf die Straße zu befördern.
Nach dem Verlassen des kleinen
Seiten-Kirchvorplatzes (Plaza de Blasina) stoßen
wir in den Callejón de las Monjas (Nonnengässchen),
eine der schönsten Straßen der Stadt,
deren 1699 errichtete Rundbögen helfen,
das Gewicht der Nordwand der Santa-María-Basilika
auszugleichen.
Etwa hundert Meter weiter, zur Rechten, liegt
das Hotel Marqués de Torresoto, das in
einem aufwändig restaurierten Patrizierpalast
aus dem 17. Jahrhundert untergebracht ist, der
dem Torresoto-Klan als Familiensitz diente.
Im Innenhof fällt der noch in seinem Originalzustand
erhaltene Steinboden auf. An der Nordseite des
Innenhofes liegt die ehemalige Barock-Privatkapelle
der Torresotos, die mit wunderschönen Kacheln
ausgeschmückt ist, die die ehemalige Besitzer-Familie
eigens zu diesem Zwecke aus Peru heranschaffen
ließ.
Das hier heute untergebrachte
Hotel gehört zur TUGASA-Kette, einer Kooperative
mehrerer Landhotels im Hinterland der Provinz
Cádiz, die allesamt in herausragenden
historischen Gebäuden angesiedelt sind.
Zwar darf man in den TUGASA-Hotels keinen großen
Luxus erwarten, dafür stimmt aber das Preis-Leistungsverhältnis;
durchschnittlich 56,- Euro kostet ein Doppelzimmer,
das ist nicht übertrieben. Kleine Unzulänglichkeiten,
wie etwa die viel zu weichen Betten, werden
durch den einzigartig freundlichen und zuvorkommenden
Service wieder ausgeglichen, den wir auf unserer
Entdeckungsreise durch die Sierra von Cádiz
in allen von uns angetesteten TUGASA-Häusern
erfuhren, dies gilt insbesondere auch für
das Marqués de Torresoto in Arcos. Wer
jetzt schon Hunger hat, kann in der nur wenige
Schritte weiter auf der gleichen Straßenseite
gelegenen Bar San Marcos einkehren; ein einfaches
Lokal, das aber wegen seiner soliden andalusischen
Hausmannskost bei den Einheimischen beliebt
ist. Hier gibt es einen tollen Potaje Andaluz
(andalusischer Gemüseintopf mit Fleisch-
und Wursteinlage), wer dann noch nicht genug
hat, möge die hausgemachten Chistorras
(ebenso scharfe wie fette, gebratene Paprikawürste,
ähnlich den französischen Merguëzes)
probieren. An heißen Sommertagen raten
wir von diesem nicht gerade kalorienarmen Menü
natürlich ab – aber auch für
Vejer gilt: Herbst und Frühjahr sind die
besten Reise- und Schlemmermonate, den Hochsommer
sollte man unbedingt meiden. Gleich
schräg gegenüber der San-Marcos-Bar
liegt fast etwas schüchtern die Kunst-Galerie
Arx-Arcis, die unbedingt einen Besuch wert ist.
Die Galerie ist ebenfalls in einem alten Bürgerhaus
– ca. Ende 17. Jahrhundert – untergebracht,
und schon das Gebäude an sich ist ein Kunstwerk.
So haben die heutigen Besitzer beispielsweise
den original Suelo Hidráulico erhalten,
den alten, mosaikverzierten Steinfußboden;
ein ganz besondererer architektonischer Schatz,
wie man ihn heute nur noch selten findet. Auch
der Patio der Galerie ist en absolutes Schmuckstück,
leider durch Vorhänge vor allzu neugierigen
Blicken verdeckt. Arx-Arcis bietet insbesondere
Keramik-Arbeiten lokaler Künstler an, man
findet aber auch Aquarelle, Teppiche und alle
möglichen sonstigen Deko-Artikel. Es sind
schöne Stücke, die hier feilgeboten
werden, endlich einmal nicht der typisch pseudo-andalusische
Touristenkitsch. Gleich
anschließend gelangen wir auf die Plazuela
de Botiquas (Krämer-Plätzchen), wo
es sich insbesondere abends, ab ca. 21 Uhr,
in einer der Terrassen-Bars wunderbar bei ein
paar Tapas und einem guten Glas Wein aushalten
lässt.
In Arcos wird wird übrigens ein erstaunlich
guter Rotwein hergestellt, der Regantío
Viejo. Noch ist der Wein aus Arcos, dem man
seine jungen Jahre niemals abnehmen würde,
ein echter Geheimtipp. Sicherlich nicht mehr
lange, denn inzwischen sieht man schon die ersten
Flaschen in den Delikatessen-Läden von
Cádiz-Stadt, so dass die jetzt noch zivilen
Preise bald nach oben schießen werden.
An der Plazuela de Botiquas liegt auch der Wochenmarkt
von Arcos. Ein besonderes Augenmerk verdienen
die Säulen links und rechts neben dem Eingang,
die so garnicht zu der Puppenstuben-Markthalle
passen wollen. Schließlich sollte hier
im 18. Jahrhundert ein Jesuitenkloster entstehen.
Da der Orden aber 1767 unter König Karl
III. sowohl aus Spanien als auch aus den amerikanischen
Kolonien hinausgworfen wurde, funktionierte
man den gerade erst begonnenen Klosterbau kurzerhand
zur Markthalle um. Obgleich
im 18. Jahrhundert der Zenit der Macht des spanischen
Kolonialreiches längst überschritten
war, so finden sich auch in Arcos noch zahlreiche
Beispiele des alten Glanzes, wie er sich etwa
in den „Palasthäusern“ (Casas
Palacio) aus dieser Zeit widerspiegelt, von
denen es hier einige Prachtexemplare gibt. So
zum Beispiel ganz in der Nähe des Marktplatzes,
in der Calle Nuñez del Prado (Nuñez
del Prado-Straße), wo sich die Casa Palacio
del Mayorazgo de Prado (Stadtpalais des Majoratsgutes
von Prado) befindet, zweifelsohne eines der
schönsten Zivil-Gebäude von Arcos.
Dieser ebenfalls vom Plateresk-Stil geprägte
Bürgerpalast fällt insbesondere wegen
seines großen Mirador (hier: Aussichtsturm)
und aufgrund seines Rundbogens auf, durch den
das etwas zu hoch geratene Gebäude auf
elegante Art und Weise abgestützt wird.
Im Innern dieser Stadtpalais trifft man häufig
auf eine verwogene Mischung aus arabischen Elementen
(z.B. Innenhof/Patio mit Brunnen) sowie Barock
und Spätgotik, wobei an edlen Baumaterialien,
wie etwa genuesischem Marmor für Patio
und Treppenhaus oder tropischen Edelhölzern
für die frei liegenden Dachstützbalken
(Vigas) nicht gespart wurde. Nach
einem kurzen Abstecher in die Calle Cuna (Wiegenstraße),
mit ihren mittelalterlichen Rundbögen eine
der malerischsten Gassen des Ortes, können
wir unseren Rundgang durch das historische Arcos
so beenden, wie wir ihn begonnen haben, mit
dem Besuch einer Kirche, in diesem Falle der
Iglesia Parroquial San Pedro Apóstol
(Pfarrkirche des Heiligen Apostel Petrus) –
die ewige „Konkurrentin“ der oben
beschriebenen Santa-María-Basilika. Die
San Pedro Apóstol-Kirche ist, allein
durch ihre exponierte Lage an einem der höchsten
Punkte der Stadt, eines der Wahrzeichen von
Arcos, das – wie könnte es anders
sein – ebenfalls auf den Überresten
einer Moschee errichtet wurde. Im Innern der
Kirche finden wir den ältesten und sicherlich
auch einen der schönsten Altaraufsätze
Andalusiens. Die aufwändig gedrechselte
Barock-Orgel des Tempels ist speziell für
die hier stattfindenden Weihnachtskonzerte reserviert,
die dem Reisenden ausreichend Grund bieten können,
Arcos in der Adventszeit erneut zu besuchen.