Dienstag, 7. September 2010

Entdecken Sie die Provinz Cádiz Ort für Ort...

Nur etwa eine Autostunde von Cádiz-Stadt entfernt liegt eine der urbanistischen Kronjuwelen Spaniens, die mittelalterliche Festungs-Stadt Arcos de la Frontera. Trotz seiner knapp 30.000 Einwohner hat der Ort seinen traditionellen, altandalusischen Charakter bewahrt und wird somit in der iberischen Reiseliteratur auch offiziell zum Kreise jener berühmten "Weißen Dörfer" (Pueblos Blancos) gerechnet, die sich die Provinzen Cádiz und Málaga teilen. Was den Globetrotter an Arcos aber normalerweise am meisten fasziniert, ist seine spektakuläre geographische Situation, auf einem 195 Meter hohen Steilhang über dem Fluß Guadalete gelegen. Um alle Reize dieses kleinen aber feinen Städtchens zu erkunden, sollte man sich mindestens zwei Tage Zeit nehmen, an romantischen Hotels mangelt es nicht. Darüber hinaus ist Arcos der ideale Ausgangspunkt für eine mehrtägige Reise durch die übrigen Pueblos Blancos der Sierra von Cádiz.


"¡Vayase Vd. Con Díos!" (Gehen Sie mit Gott!), ruft uns lächelnd die Frau mittleren Alters nach, die, sich seelenruhig einer Handarbeit widmend, im kühlen Schatten ihres weiß gekalkten Patio (typisch andalusischer Innenhof) sitzt, den liebevoll gepflegte Geranien-Töpfe in ein regelrechtes Blumenmeer verwandelt haben.
Dabei ist dies mindestens die fünfte Touristengruppe, die ihr diese Woche in den Hof trampelt, denn es ist Freitag, und die vom Tourismus-Büro organisierten Führungen durch die größtenteils privaten Innenhöfe von Arcos finden jeden Nachmittag statt.
Überhaupt ist die gelassene Freundlichkeit der Menschen hier, die Aufgeschlossenheit dem Fremden gegenüber, eines jener Charakteristika, das den Reisenden – neben der einzigartigen architektonischen Reize des Städtchens - an Arcos am meisten beeindruckt.
Die Führungen durch die Altstadt von Arcos de la Frontera starten vom städtischen Tourismus-Büro (Rathausplatz) aus. Es gibt keine festen Zeiten. Wer Interesse hat, möge sich drinnen an einen der Mitarbeiter wenden. In der Regel wird immer erst gewartet, bis eine Gruppe von mehreren Personen zusammenkommt, bevor die etwa einstündigen Rundgänge durchs historische Zentrum starten.
Die Führungen werden, neben der Landessprache, wahlweise auch in Englisch oder Französisch abgehalten, Deutsch ist leider noch Fehlanzeige. Wer nicht unter Zeitdruck steht, zieht – mit einem guten Stadtplan bewaffnet – freilich besser auf eigene Faust los.
Die Entdeckungstour kann beispielsweise in der Basílica Menor Parroquia de Santa María de la Asunción beginnen. Hinter dem ellenlangen Namen verbirgt sich die gleich gegenüber dem Rathaus gelegene Haupt-Kirche von Vejer de la Frontera, einem Prachtexemplar des andalusischen Barock. Die Basilika wurde erst im Jahr 1764 von Rom zur Hauptkirche erklärt, wodurch in Arcos ein heftiger, verbittert ausgetragener Streit zwischen den beiden hier traditionell bestehenden Pfarrgemeinden – Santa María und San Pedro Apóstol - ob der geistigen Vorherrschaft ausbrach.
Der mit einem 13-teiligen Geläut bestückte Glockenturm stammt übrigens aus dem 18. Jahrhundert, nachdem das Original durch die Auswirkungen des Erdbebens von Lissabon, im November 1755, völlig zerstört wurde. Die Glocken werden noch immer von Hand bedient, der Glöckner wohnt in der Kirche, im zweiten Stock, auch dies ein Unikum.
Durch das Hauptportal – im für das 16. Jahrhundert in Spanien so typischen Plateresk-Stil – gelangen wir ins Innere des Tempels, wo es übrigens strikt verboten ist, mit Blitz zu fotografieren.
Drinnen wird uns, angesichts des zur Schau gestellten Prunks, den man in einem solch kleinen Ort wie Arcos nicht erwartet hätte, mit einem Mal bewußt, welch enormen Stellenwert die Katholische Kirche, insbesondere zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, der Blütezeit des Spanischen Weltreiches, im lokalen Gesellschaftsleben innehatte. So finden sich innerhalb der Basilika allein fünf kleine Kapellen, die allesamt auf private Stiftungen aus dieser Zeit zurückgehen. Mit diesen Stiftungen wollten sich im Amerika-Handel wohlhabend gewordene Kaufleute, Militärs und Kleriker ein statusträchtiges Denkmal setzen oder sich auch einfach nur post mortem von ihren Sünden reinwaschen.
Auch hier finden wir mit massivem Silber verzierte Nebenaltäre oder massivsilberne Kerzenleuchter und Kustodien von unschätzbarem Wert. Der in ganz Spanien weit verbreitete, großzügige Einsatz dieses Materials im Kirchenschmuck liegt darin begründet, dass die spanischen Kolonisatoren auf ihren Entdeckungs- und Eroberungszügen auf dem Amerikanischen Kontinent bei weitem nicht auf so viel Gold stießen, wie sie sich dies erhofft hatten. Das wesentlich geringer geschätzte Silber gab es hingegen zunächst in als industriell zu bezeichnenden Mengen.
Innerhalb der Santa María-Basilika verdient unter anderem der Hauptaltar mit seiner wunderschönen Orgel und dem aufwendig gedrechselten Chorgestühl unsere Aufmerksamkeit. Letzteres entstand zwischen den Jahren 1734 und 1744, die verwendeten Materialien sind Eben- und Zedernholz sowie Mahagoni.
Danach lohnt ein Blick auf einige interessante Details der Sakristei, zum Beispiel die Renaissance-Türen, mit ihren – aus heutiger Sicht – makabren Insignien, die den Gläubigen stets an die Endlichkeit des irdischen Lebens erinnern sollten. Der alles beherrschende Tisch aus Morón-Marmor stammt aus dem Jahr 1702.
Weitere Besonderheiten dieser Kirche sind ihr einzigartiges Licht, das man unbedingt in aller Ruhe auf sich einwirken lassen sollte sowie das 1881 im Kellergewölbe entdeckte Wandgemälde mit einer Darstellung der Heiligen Jungfrau, das sich heute gegenüber dem Haupteingang des Tempels findet. Als eines der wertvollsten und seltensten Musterbeispiele der andalusischen Gotik wurde das Werk erst 1960 von dem katalanischen Künstler Antonio Llopart an seinen heutigen Standort verbracht und aufwändig restauriert.
Verlassen wir nun die Santa-María-Basilika, um unseren Blick über den Rathausplatz schweifen zu lassen, dem ehemaligen Exerzierplatz der Festungsanlage von Arcos. Noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein diente der Platz als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Stadt; neben dem Wochenmarkt wurden hier auch Stierkämpfe und sonstige Volksbelustigungen veranstaltet. Das gegenüber dem Parador (zur halbstaatlichen Paradores-Kette gehörendes Luxus-Hotel) von Arcos gelegene Rathaus hat seit 1634 seinen Sitz an dieser Stelle, hier ist auch das bereits oben erwähnte Tourismus-Büro untergebracht, von dem aus alle geführten Besichtigunstouren starten.
In der Flucht des Rathausplatzes liegt einer der beeindruckenden Miradores (Aussichtsplattformen) des Ortes, von dem aus wir einen atemberaubenden Blick über den unteren Teil der Stadt sowie über weite Teile der Provinz haben. Der Volksmund hat diesen Mirador übrigens mit einem wirklich sehr deftigen Spitznamen belegt, auf dessen Zitat wir an dieser Stelle bewußt verzichten. Hobby-Anthropologen, die des Spanischen mächtig sind, mögen einen älteren Einheimischen danach fragen, normalerweise findet sich immer einer, der die Geschichte grinsend zum Besten gibt.
Das Eindringen in das Alstadt-Gassengewirr per PKW sei an dieser Stelle übrigens nur sehr geübten und sicheren Autofahrern empfohlen. Hotelgäste erhalten an der Rezeption einen Dauerparkschein für den Rathausplatz, der aber alle 24 Stunden erneuert werden muss.
Wollen wir aber nun unseren Rundgang durch die Altstadt von Arcos fortsetzen, am besten, in dem wir die links neben der Basilika liegenden Stufen hinab gehen, so gleich das wunderschöne Plateresk-Seitenportal der Santa-María-Basilika in Augenschein nehmend, dessen beeindruckende Größe es erlaubt, in der Semana Santa (Osterwoche) die tragbaren Heiligenaltäre, die das Jahr über in der Kirche ruhen, auf die Straße zu befördern.
Nach dem Verlassen des kleinen Seiten-Kirchvorplatzes (Plaza de Blasina) stoßen wir in den Callejón de las Monjas (Nonnengässchen), eine der schönsten Straßen der Stadt, deren 1699 errichtete Rundbögen helfen, das Gewicht der Nordwand der Santa-María-Basilika auszugleichen.
Etwa hundert Meter weiter, zur Rechten, liegt das Hotel Marqués de Torresoto, das in einem aufwändig restaurierten Patrizierpalast aus dem 17. Jahrhundert untergebracht ist, der dem Torresoto-Klan als Familiensitz diente. Im Innenhof fällt der noch in seinem Originalzustand erhaltene Steinboden auf. An der Nordseite des Innenhofes liegt die ehemalige Barock-Privatkapelle der Torresotos, die mit wunderschönen Kacheln ausgeschmückt ist, die die ehemalige Besitzer-Familie eigens zu diesem Zwecke aus Peru heranschaffen ließ.
Das hier heute untergebrachte Hotel gehört zur TUGASA-Kette, einer Kooperative mehrerer Landhotels im Hinterland der Provinz Cádiz, die allesamt in herausragenden historischen Gebäuden angesiedelt sind. Zwar darf man in den TUGASA-Hotels keinen großen Luxus erwarten, dafür stimmt aber das Preis-Leistungsverhältnis; durchschnittlich 56,- Euro kostet ein Doppelzimmer, das ist nicht übertrieben. Kleine Unzulänglichkeiten, wie etwa die viel zu weichen Betten, werden durch den einzigartig freundlichen und zuvorkommenden Service wieder ausgeglichen, den wir auf unserer Entdeckungsreise durch die Sierra von Cádiz in allen von uns angetesteten TUGASA-Häusern erfuhren, dies gilt insbesondere auch für das Marqués de Torresoto in Arcos.
Wer jetzt schon Hunger hat, kann in der nur wenige Schritte weiter auf der gleichen Straßenseite gelegenen Bar San Marcos einkehren; ein einfaches Lokal, das aber wegen seiner soliden andalusischen Hausmannskost bei den Einheimischen beliebt ist. Hier gibt es einen tollen Potaje Andaluz (andalusischer Gemüseintopf mit Fleisch- und Wursteinlage), wer dann noch nicht genug hat, möge die hausgemachten Chistorras (ebenso scharfe wie fette, gebratene Paprikawürste, ähnlich den französischen Merguëzes) probieren. An heißen Sommertagen raten wir von diesem nicht gerade kalorienarmen Menü natürlich ab – aber auch für Vejer gilt: Herbst und Frühjahr sind die besten Reise- und Schlemmermonate, den Hochsommer sollte man unbedingt meiden.
Gleich schräg gegenüber der San-Marcos-Bar liegt fast etwas schüchtern die Kunst-Galerie Arx-Arcis, die unbedingt einen Besuch wert ist. Die Galerie ist ebenfalls in einem alten Bürgerhaus – ca. Ende 17. Jahrhundert – untergebracht, und schon das Gebäude an sich ist ein Kunstwerk. So haben die heutigen Besitzer beispielsweise den original Suelo Hidráulico erhalten, den alten, mosaikverzierten Steinfußboden; ein ganz besondererer architektonischer Schatz, wie man ihn heute nur noch selten findet. Auch der Patio der Galerie ist en absolutes Schmuckstück, leider durch Vorhänge vor allzu neugierigen Blicken verdeckt. Arx-Arcis bietet insbesondere Keramik-Arbeiten lokaler Künstler an, man findet aber auch Aquarelle, Teppiche und alle möglichen sonstigen Deko-Artikel. Es sind schöne Stücke, die hier feilgeboten werden, endlich einmal nicht der typisch pseudo-andalusische Touristenkitsch.
Gleich anschließend gelangen wir auf die Plazuela de Botiquas (Krämer-Plätzchen), wo es sich insbesondere abends, ab ca. 21 Uhr, in einer der Terrassen-Bars wunderbar bei ein paar Tapas und einem guten Glas Wein aushalten lässt.
In Arcos wird wird übrigens ein erstaunlich guter Rotwein hergestellt, der Regantío Viejo. Noch ist der Wein aus Arcos, dem man seine jungen Jahre niemals abnehmen würde, ein echter Geheimtipp. Sicherlich nicht mehr lange, denn inzwischen sieht man schon die ersten Flaschen in den Delikatessen-Läden von Cádiz-Stadt, so dass die jetzt noch zivilen Preise bald nach oben schießen werden.
An der Plazuela de Botiquas liegt auch der Wochenmarkt von Arcos. Ein besonderes Augenmerk verdienen die Säulen links und rechts neben dem Eingang, die so garnicht zu der Puppenstuben-Markthalle passen wollen. Schließlich sollte hier im 18. Jahrhundert ein Jesuitenkloster entstehen. Da der Orden aber 1767 unter König Karl III. sowohl aus Spanien als auch aus den amerikanischen Kolonien hinausgworfen wurde, funktionierte man den gerade erst begonnenen Klosterbau kurzerhand zur Markthalle um.
Obgleich im 18. Jahrhundert der Zenit der Macht des spanischen Kolonialreiches längst überschritten war, so finden sich auch in Arcos noch zahlreiche Beispiele des alten Glanzes, wie er sich etwa in den „Palasthäusern“ (Casas Palacio) aus dieser Zeit widerspiegelt, von denen es hier einige Prachtexemplare gibt. So zum Beispiel ganz in der Nähe des Marktplatzes, in der Calle Nuñez del Prado (Nuñez del Prado-Straße), wo sich die Casa Palacio del Mayorazgo de Prado (Stadtpalais des Majoratsgutes von Prado) befindet, zweifelsohne eines der schönsten Zivil-Gebäude von Arcos. Dieser ebenfalls vom Plateresk-Stil geprägte Bürgerpalast fällt insbesondere wegen seines großen Mirador (hier: Aussichtsturm) und aufgrund seines Rundbogens auf, durch den das etwas zu hoch geratene Gebäude auf elegante Art und Weise abgestützt wird. Im Innern dieser Stadtpalais trifft man häufig auf eine verwogene Mischung aus arabischen Elementen (z.B. Innenhof/Patio mit Brunnen) sowie Barock und Spätgotik, wobei an edlen Baumaterialien, wie etwa genuesischem Marmor für Patio und Treppenhaus oder tropischen Edelhölzern für die frei liegenden Dachstützbalken (Vigas) nicht gespart wurde.
Nach einem kurzen Abstecher in die Calle Cuna (Wiegenstraße), mit ihren mittelalterlichen Rundbögen eine der malerischsten Gassen des Ortes, können wir unseren Rundgang durch das historische Arcos so beenden, wie wir ihn begonnen haben, mit dem Besuch einer Kirche, in diesem Falle der Iglesia Parroquial San Pedro Apóstol (Pfarrkirche des Heiligen Apostel Petrus) – die ewige „Konkurrentin“ der oben beschriebenen Santa-María-Basilika. Die San Pedro Apóstol-Kirche ist, allein durch ihre exponierte Lage an einem der höchsten Punkte der Stadt, eines der Wahrzeichen von Arcos, das – wie könnte es anders sein – ebenfalls auf den Überresten einer Moschee errichtet wurde. Im Innern der Kirche finden wir den ältesten und sicherlich auch einen der schönsten Altaraufsätze Andalusiens. Die aufwändig gedrechselte Barock-Orgel des Tempels ist speziell für die hier stattfindenden Weihnachtskonzerte reserviert, die dem Reisenden ausreichend Grund bieten können, Arcos in der Adventszeit erneut zu besuchen.